Einträge mit dem Tag ‘Politik’

Der Umweltrat hat sich in seinem neuesten Gutachten unter anderem dafür ausgesprochen, den Fleischkonsum zu verringern. Als eine mögliche Maßnahme wurde dazu eine Steuer auf gesättigte Fettsäuren nach dänischem Vorbild angeführt. Das Gutachten weist noch darauf hin, daß dies auch einen Anreiz zur Weidehaltung bieten könnte, weil Milch aus Weidehaltung einen geringeren Anteil an gesättigten Fettsäuren aufweise als solche aus Stallhaltung.

Da frage ich mich doch: könnte man nicht einfach die Vorschriften zur Viehhaltung verschärfen? Sozusagen Zwangs-Bio für tierische Produkte? Das erhöht ganz automatisch und ohne Steuern die Preise, und das zusätzliche Geld wäre in einer besseren Haltung sicherlich sinnvoller angelegt, als wenn es im Staatssäckel unterginge.

[via Tagesschau]

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Mockingbird stimmt schon mal ein Requiem an, Anke Gröner ist zum ersten Mal fassungslos: der Bundestag hat heute unter dem Deckmäntelchen des Schutzes vor Kinderpornografie die Einführung einer flächendeckenden Zensur-Infrastruktur beschlossen.

Wie Telepolis sehr treffend feststellt, wirkt die Argumentation der Befürworter etwas hilflos, so daß man sich fragen muß, warum die Koalition es mit der Verabschiedung des Gesetzes so eilig hat. Die Verhandlung der von über 130.000 Bürgern unterzeichnete Petition gegen den Gesetzentwurf durch den Petitionsausschuß des Bundestages hat man -- natürlich -- auch nicht abwarten wollen.

Ich persönlich muß sagen, daß ich schon bei der Einführung der Vorratsdatenspeicherung so fassungslos war, daß ich zum ersten Mal seit Jahren wieder auf die Straße gegangen bin -- und zum ersten Mal überhaupt den Gang nach Karlsruhe angetreten habe. Deshalb finde ich das neue Gesetz nicht weniger schlimm, aber es gibt schon eine gewisse Abstumpfung: etwa so, als ließe man sich unter Lokalanästhesie verprügeln; man weiß, daß gerade eine Menge kaputtgeht, und daß es nachher ziemlich wehtun wird, aber im Moment ist da mehr stummes Entsetzen als echte Schmerzen.

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Software is hard

hat Donald Knuth, graue Eminenz der Informatik, einmal gesagt. Warum das so ist, versucht Scott Rosenberg in seinem Buch Dreaming In Code zu ergründen.
Er tut das in einer Form, die mich sehr an ein Blog erinnert: die Kapitel bestehen nicht aus einem durchgehenden Erzählstrang, sondern aus oft nur lose zusammenhängenden, kurzen Abschnitten; dabei springt Rosenberg oft zwischen den Anfängen der Computertechnik und der Gegenwart hin und her, und man merkt, daß Hoffnungen und Probleme sich doch über die Zeiten kaum verändert haben.

... Bugs are called "defects," and defects are "injected" by workers--as if the product begins in some Platonic state of perfection and is then corrupted by mad-eyed workers shooting bug-filled syringes into its bloodstream.�

Ein weiteres Merkmal von Blogs ist das Verlinken auf Quellen oder verwandte Themen. Hyperlinks funktionieren in einem Buch natürlich nicht, aber dafür gibt es fast dreißig Seiten Fußnoten mit Referenzen, viele sogar mit URL.

Eine eindeutige Antwort kann der Autor letztlich nicht liefern, aber er zeigt doch eine Menge Aspekte auf, die Softwareprojekten zusetzen. Der für mich wichtigste Punkt betrifft die Frage, warum Brückenbauten in der Regel problemlos über die Bühne gehen, das Erstellen von Programmen aber nicht:

Software development is often compared to the construction industry, but the analogy breaks down in one respect. Even after we have learned how to build structures so solve particular problems ... we still need to keep building more of those structures. However much I may like your house, I can't have it myself.�

Abschließend möchte ich noch hinzufügen, daß Rosenberg ausdrücklich Nichtprogrammierer als Zielgruppe anspricht. Er verzichtet weitgehend auf technische Details, und erklärt diese, wenn er sie trotzdem anspricht. Gerade diesen Lesern bietet Dreaming In Code die Möglichkeit, zu erfahren, wie Softwareentwicklung funktioniert -- welche Probleme sich auftun, wie die Entwickler zusammenarbeiten, was sie motiviert.

Politischer Aktivismus ist übrigens auch schwierig. Wolfgang Stieler beschreibt das recht witzig (natürlich aus der Sicht eines Softwareentwicklers), aber das Thema und sein Fazit sind durchaus ernst:

Die meisten politischen Angelegenheiten werden außerhalb des Netzes verhandelt.

Da nimmt es nicht wunder, wenn auch monatelanger Aktivismus (natürlich zum großen Teil online quer durch die Blogosphäre) in der Bundespolitik kaum Wirkung entfaltet.

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Andernorts hält man linksliberal für ein Modewort. Che mußte ob dieser — sagen wir mal — etwas ungewöhnlichen Einschätzung seinen armen Perser mit den Fäusten traktieren, und Netbitch betreibt kategorische Geographie.
Ich belasse es dann bei Kopfschütteln und einem vorsichtigen Hinweis auf die Weimarer Parteienlandschaft.

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Als ich mir Our Endangered Values gekauft habe, bin ich eigentlich davon ausgegangen, die angesprochenen Werte (und ihre Bedrohung) auch bei uns zu finden; das ist jedoch nur zu einem recht kleinen Teil der Fall gewesen. Viele der von Carter angesprochenen Themen betreffen entweder die Stellung der USA als Weltmacht oder aber den Einfluß der Religion auf politische Entscheidungen. Beide lassen sich natürlich so weder auf Deutschland noch die EU übertragen.
Interessant war die Lektüre trotzdem: Zum einen mußte ich feststellen, daß mir das ganze Ausmaß der Tragödie nicht bekannt war. Klar, Intelligent Design im Biologie-Unterricht, einen deutlich schärferen Streit um Abtreibung, als man ihn hierzulande gesehen hat, und eine in letzter Zeit ziemlich aggressive Außenpolitik kennt man. Damit ist aber noch lange nicht Schluß. Das Ausmaß, in dem religiöser Fundamentalismus inzwischen die US-amerikanische Politik beeinflußt, ist schon ziemlich erschreckend.
One of the most bizarre admixtures of religion and government is the strong influence of some Christian fundamentalists on U.S. policy in the Middle East. Almost everyone in America has heard of the Left Behind series […] Based on these premises, some top Christian leaders have been in the forefront of promoting the Iraqi war, and make frequent trips to Israel, to support it with funding, and lobby in Washington for the colonization of Palestinian territory.
Darüber darf man gar nicht nachdenken: Nahostpolitik, ja sogar ein Krieg, aufgrund eines Romans? Die offizielle Webseite dieses Machwerks findet sich hier, und bei der Wikipedia gibt es natürlich auch Informationen dazu.
Was christliche Fundamentalisten angeht: Carter zitiert zum Beispiel einige heftige Sprüche von Pat Robertson; Wikipedia hat noch mehr.

Interessant war die Lektüre auch noch aus einem anderen, viel tröstlicherem Grunde. Carter stellt den von ihm angeprangerten Ansichten und Handlungen nämlich sein eigenes Weltbild entgegen; dieses entwickelt er aus einem ganz änhlichen Ausgangspunkt, nämlich einem tiefen christlichen Glauben, den er sogar selbst fundamentalistisch nennt: For generations, leaders within my own church and denomination had described themselves as "fundamentalists," claiming that they were clinging to the fundamental elements of our Baptist beliefs and resisting the pressures and incfluence of the modern world […] a general attitude that I have shared during most of my life.
I soon learned that there was a more intense form of fundamentalism, with some prevailing characteristics: […] rigidity, domination, and exclusion.
Dieses Weltbild ist — im Gegensatz zu dem der religiösen Rechten — von Toleranz und Friedfertigkeit bestimmt.
Im übrigen erkenne ich auch mein eigenes, durch und durch atheistisches Weltbild zu großen Teilen darin wieder.
Noch besteht also Hoffnung.

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Seitens des Europaparlaments scheint jetzt die Zeit des Rechtfertigens gekommen zu sein.
Wenn man sich die Kommentare von Herrn Reul ansieht, bekommt man das Gefühl, wir müßten schon dankbar sein, daß nur Verkehrsdaten und nicht auch noch die Inhalte mitgeschnitten werden.

Frau Gebhardt scheint dagegen der Meinung zu sein, daß die Postboten über jeden Brief Buch führen — anders kann ich mir solch haarsträubende Vergleiche nicht erklären.

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Die Times berichtet über die geplante Mehrwert- und Einkommensteuererhöhung der neuen Bundesregierung. Kurz zusammengefaßt: Wer schonmal in das Innere eines VWL-Lehrbuches gesehen hat, hätte die Steuern nicht erhöht; weil sie doch erhöht werden, kann man sich von Deutschland schonmal bis 2010 verabschieden — und möglicherweise auch gleich von Osteuropa.

(via GBlog)

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Kur Gast hat dem manager magazin eine lustige und ziemlich entlarvende Antwort entlockt.

Szenario: Um Steuerflüchtlinge ins Inland zurückzuholen, könnte man ihnen einen ermäßigten Steuersatz anbieten. Sie würden dann weniger Steuern zahlen als Bürger, die nicht mit der Abwanderung ins Ausland drohen.

Kur Gast (und kirjoittaessani) sind der Meinung, diese Möglichkeit sei abzulehnen, weil Recht für alle gleich gelten müsse.

Die Manager sind der Meinung, das entspreche "keiner zielführenden Strategie": schließlich seien die Steuereinnahmen bei Annahme der Möglichkeit höher als bei ihrer Ablehnung. Damit beweisen sie eindrucksvoll, wie man durch fehlerhafte Theorien zu falschen Schlüssen kommen kann.
Sie ignorieren Rückwirkungen der Entscheidung auf andere Steuerzahler, die nicht abwandern wollen (oder können), völlig. Ist es denn so abwegig, daß die Steuerzahlungsmoral der Benachteiligten unter einem Rabatt leiden könnte? Die Möglichkeit muß man zumindest in Betracht ziehen, und dann sieht die Strategiebewertung schon ganz anders aus.
Also: erst denken, dann Strategie erstellen.

[gefunden via Stackenblochen]

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Der EU-Parlamentsausschuß für Bürgerrechte, Justiz und Inneres hat heute seine Empfehlung zur Vorratsdatenspeicherung verabschiedet.
Das Parlamentsplenum wird Mitte Dezember über den Vorschlag abstimmen. Laut Euractiv ist damit zu rechnen, daß der Rat Druck auf die Parlamentarier ausüben wird, um diese zur Verabschiedung einer schärferen Version zu bewegen.

Jedenfalls sieht es inzwischen so aus, als sei die Debatte für oder wider die Präventivüberwachung bereits gelaufen. Die Frage scheint jetzt nur noch zu sein, wie lange gespeichert werden soll, ob es Entschädigungen für die Provider geben wird, was diese genau speichern soll, &c. Immerhin, möchte man sagen — um darüber zu vergessen, daß man sich selbst und alle anderen Bürger mit dieser Methode, egal wie viele Einschränkungen man ihr im Detail auferlegt, unter Generalverdacht stellt.

Ich glaube, es ist mal wieder Zeit, ein gutes Buch zu lesen.

(via Stackenblochen)

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