Einträge mit dem Tag ‘Geschichte’

Gerade habe ich zwei Bücher beendet, zu denen ich gerne etwas schreiben möchte, ohne gleich vollständige Rezensionen daraus zu machen. Zum einen gab es ein Wiedersehen mit Sherlock Holmes. Anthony Horowitz führt hier Watson die Feder, als der einen "alten" Fall beschreibt, den er wegen der Verwicklung gesellschaftlich höchster Schichten erst im hohen Alter zu Papier bringt. Das Buch hat mir durchweg gut gefallen: der Autor macht das viktorianische London lebendig, die Sprache wirkt der Zeit angemessen. Auch Watson und Holmes sind sozusagen ganz die alten, sie sehen in Horowitz' Augen nicht anders aus als aus Doyles Sicht. Das Verbrechen -- das Holmes wie immer schon nach kurzer Zeit durchblickt -- ist insofern der einzig moderne Aspekt des Romans, als daß Doyle es sicher nicht gewählt hätte; dennoch paßt der Autor den Fall stimmig in Holmes' Zeit ein, so daß er nicht als Fremdkörper wirkt.

Wenn ich dem Buch nur vier von fünf Sternen gebe, so liegt das einfach daran, daß The House of Silk nicht mehr ist -- und auch gar nicht mehr sein kann -- als der Umschlag behauptet: The new Sherlock Holmes Novel.

Vom viktorianischen Zeitalter geht es jetzt einen großen Sprung zurück in das Zeitalter der Restoration. Eines Tages beschloß ein junger englischer Verwaltungsangestellter, Tagebuch zu führen. Das ist zunächst nichts besonderes. Außerordentlich ist aber, daß er das über zehn Jahre lang durchhält (und dabei nur ganz wenige Tage ausläßt); außerordentlich ist auch, daß er Staatsangelegenheiten, private Erlebnisse und Belanglosigkeiten (etwa das, was bei mir unter Kram läuft) völlig gleichberechtigt nebeneinander stellt; außerordentlich ist schließlich auch das, was er erlebt: die Restoration Charles' des Zweiten, die Pest, den Brand von London. Interesting times, indeed.

Und so kommt es, daß das Tagebuch von Samuel Pepys heute in England eine Berühmtheit erreicht hat, die ihresgleichen sucht. Ich bin mit dem ersten Band (dem Jahr 1660) inzwischen durch, und freue mich schon auf den zweiten. Ich will versuchen, diesen sozusagen in Echtzeit zu lesen, also etwa einen Eintrag pro Tag, und hier dann gelegentlich davon berichten. Ich spare mir an dieser Stelle, auf den Inhalt des ersten Bandes einzugehen -- es soll ja keine echte Rezension werden -- und grübele stattdessen, wie viele Sterne ich dafür vergeben soll. Einen Roman würde ich nach seiner Sprache und seinen Ideen bewerten sowie danach, wie packend er geschrieben ist. Ein Sachbuch etwa nach dem Umfang des Inhalts und der didaktischen Darbietung. Aber ein Tagebuch? Mir fehlen schlicht die Kriterien, nach denen ich ein Urteil fällen könnte, so daß ich einfach darauf verzichte.

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Was ist denn heute los? Da standen doch tatsächlich kurz nacheinander zwei Leute mit Daten auf Disketten in der Tür.

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Als ich mir Our Endangered Values gekauft habe, bin ich eigentlich davon ausgegangen, die angesprochenen Werte (und ihre Bedrohung) auch bei uns zu finden; das ist jedoch nur zu einem recht kleinen Teil der Fall gewesen. Viele der von Carter angesprochenen Themen betreffen entweder die Stellung der USA als Weltmacht oder aber den Einfluß der Religion auf politische Entscheidungen. Beide lassen sich natürlich so weder auf Deutschland noch die EU übertragen.
Interessant war die Lektüre trotzdem: Zum einen mußte ich feststellen, daß mir das ganze Ausmaß der Tragödie nicht bekannt war. Klar, Intelligent Design im Biologie-Unterricht, einen deutlich schärferen Streit um Abtreibung, als man ihn hierzulande gesehen hat, und eine in letzter Zeit ziemlich aggressive Außenpolitik kennt man. Damit ist aber noch lange nicht Schluß. Das Ausmaß, in dem religiöser Fundamentalismus inzwischen die US-amerikanische Politik beeinflußt, ist schon ziemlich erschreckend.
One of the most bizarre admixtures of religion and government is the strong influence of some Christian fundamentalists on U.S. policy in the Middle East. Almost everyone in America has heard of the Left Behind series […] Based on these premises, some top Christian leaders have been in the forefront of promoting the Iraqi war, and make frequent trips to Israel, to support it with funding, and lobby in Washington for the colonization of Palestinian territory.
Darüber darf man gar nicht nachdenken: Nahostpolitik, ja sogar ein Krieg, aufgrund eines Romans? Die offizielle Webseite dieses Machwerks findet sich hier, und bei der Wikipedia gibt es natürlich auch Informationen dazu.
Was christliche Fundamentalisten angeht: Carter zitiert zum Beispiel einige heftige Sprüche von Pat Robertson; Wikipedia hat noch mehr.

Interessant war die Lektüre auch noch aus einem anderen, viel tröstlicherem Grunde. Carter stellt den von ihm angeprangerten Ansichten und Handlungen nämlich sein eigenes Weltbild entgegen; dieses entwickelt er aus einem ganz änhlichen Ausgangspunkt, nämlich einem tiefen christlichen Glauben, den er sogar selbst fundamentalistisch nennt: For generations, leaders within my own church and denomination had described themselves as "fundamentalists," claiming that they were clinging to the fundamental elements of our Baptist beliefs and resisting the pressures and incfluence of the modern world […] a general attitude that I have shared during most of my life.
I soon learned that there was a more intense form of fundamentalism, with some prevailing characteristics: […] rigidity, domination, and exclusion.
Dieses Weltbild ist — im Gegensatz zu dem der religiösen Rechten — von Toleranz und Friedfertigkeit bestimmt.
Im übrigen erkenne ich auch mein eigenes, durch und durch atheistisches Weltbild zu großen Teilen darin wieder.
Noch besteht also Hoffnung.

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