Kategorie ‘Geschichten’

Vor ein paar Monaten bin ich über die Fernsehserie Herr und Meister gestolpert: in dreiundzwanzig Folgen erzählen Hugh Laurie und Stephen Fry allerlei lustige Geschichten über den Dandy Wooster und seinen Diener Jeeves. Die Serie basiert auf einer Reihe Bücher, die P.G. Wodehouse zwischen 1919 und 1974 (!) geschrieben hat.
Der Herr, das ist Bertram Wooster: er (oder zumindest seine Familie, in der Regel repräsentiert durch zwei Tanten) ist reich genug, um niemals einem Broterwerb nachgehen zu müssen. Er ist auch faul genug, um keinem besonderen Steckenpferd zu frönen, kein Ehrenamt zu bekleiden, oder sonstwie seine Zeit zu verbringen. Kurz: er läßt den Tag einfach an sich vorüberziehen, wenn er nicht gerade einer familiären Verpflichtung nachkommt oder einem seiner Freunde aus der Klemme hilft.
Der Meister, das ist Jeeves: Woosters Diener ist hochgebildet, weiß alles, kann alles, und ist nicht aus der Ruhe zu bringen.

‘Is Lord Pershore in, Jeeves?’
‘No, sir.’
‘Do you expect him back to dinner?’
‘No, sir.’
‘Where is he?’
‘In prison, sir.’
‘In prison!’
‘Yes, sir.’
‘You don’t mean — in prison?’
‘Yes, sir.’

Wooster mag im Gegensatz dazu etwas simpel erscheinen, aber das stimmt nicht wirklich: eigentlich kann er es sich bloß leisten, nicht nachzudenken — dumm ist er keineswegs. Allerdings: wenn es darum geht, sich, seine Freunde oder Verwandten aus einer mißlichen Lage zu befreien — das wiederkehrende Motiv der Geschichten — dann verläßt Bertie sich besser auf Jeeves’ Geistesblitze als auf seine eigenen Ideen. Sei es eine ungeliebte Verlobung, die es zu lösen gilt (natürlich ohne daß der betreffende Herr diesen Schritt selbst unternimmt), zerbrochene Bande, die wiederhergestellt werden wollen, oder das Abwerben von Hauspersonal: Jeeves hat immer die passenden Kniffe parat.

‘Mr Bickersteth called to see you this evening, sir, while you were out.’
‘Oh?’ I said.
‘Twice, sir. He appeared a trifle agitated.’
‘What, pipped?’
‘He gave that impression, sir.’

Die Spannung beziehen die Geschichten dabei weniger aus der Handlung, sondern vielmehr aus den Gegensätzen der beiden Hauptakteure, die doch so gut zueinander passen: beide sind sehr britisch, in der Oberschicht zu Hause; doch während Jeeves ruhig, stets korrekt und mit distinguierter Sprache auftritt, ist Wooster begeisterungsfähig, fahrig und schnodderig: er pflegt eine sehr einfallsreiche, saloppe Jugendsprache, die Verwandtschaft und Gäste regelmäßig empört (wenn sie ihn denn verstehen), der man seine gesellschaftliche Stellung aber durchaus anhört. Das versteht der Autor so gut und humorvoll umzusetzen, daß mich schon die Sprache allein begeistert. Ich muß gestehen, daß die Handlung dabei für mich oft im Hintergrund bleibt, obwohl ich die Streifzüge durch die höhere Gesellschaft durchaus nicht uninteressant finde.

Carry On, Jeeves, das ich gerade beendet habe, ist für mich — sieht man von der Fernsehserie einmal ab — erst die zweite Begegnung mit Jeeves und Wooster, aber sicher nicht die letzte. Um Nachschub brauche ich mir zum Glück keine Sorgen zu machen: dafür sorgt schon die Eule, die immer wieder mit einem verzückten Gesichtsausdruck und einem neuen Band vor mir steht.

‘Jeeves,’ I said, ‘this is a time for deeds, not words. Pack — and that right speedily.’
‘I have packed, sir.’
‘Find out when there is a train for Cambridge.’
‘There is one in forty minutes, sir.’
‘Call a taxi.’
‘A taxi is at the door, sir.’
‘Good!’ I said. Then lead me to it.’

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Es gibt wohl kein Buch, das ich so häufig gelesen habe wie Tolkiens Herrn der Ringe. Und jedesmal, wenn ich im Vierten Buch angekommen bin, wird das Lesen zäh. Nach den lauschigen Wäldern, weiten Wiesen und irgendwie heimeligen Bergen von Rohan springt die Erzählerperspektive plötzlich zu den Sümpfen und Aschenbergen von Mordor, und die erschweren eben nicht nur unseren Hobbits das Fortkommen; der Leser kämpft genauso, und wenn man den Berichten von Christopher Tolkien glauben darf, dann hat es auch der Autor dort nicht leicht gehabt.

Deshalb habe ich kurzerhand beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und eine kleine Pause einzulegen; die kommt mir nämlich sehr gelegen, um meine kräftig gewachsene Vokabelliste abzuarbeiten.

Ach ja, und vielleicht schaffe ich es bei der Gelegenheit auch, den Stapel der gerade gelesenen werdenden Bücher[1] etwas zu verkleinern. Von den ungelesenen, die gerade zu Weihnachten stark zuzunehmen pflegen, will ich lieber schweigen. So viele Bücher, so wenig Zeit.

[1]Der deutschen Sprache fehlt eindeutig ein Partizip Präsens Passiv. Man könnte dazu etwa die Merkmale des P. Präsens Aktiv und des P. Perfekt Passiv in geeigneter Weise kombinieren; z. B. so: gelesend — P. Pr. Pass. bzw. lesen — P. Perf. Akt. Also: der Stapel der gelesenden Bücher (im Ggs. zu den bereits gelesenen Büchern). Wenn ich ein Buch zur Seite gelegt habe, bin ich demnach auch nicht mehr ein lesender, sondern nur noch ein lesener Blogger.

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Vor ein paar Tagen sind wir mit dem Buch Alles für den Kater von Eva Berberich fertig geworden. In diesem Falle heißt wir sind fertiggeworden, daß wir uns das Buch gegenseitig kapitelweise vorgelesen haben. Nun ja, in letzter Zeit habe ich hauptsächlich gelesen, und die Eule hat zugehört.

Für eine “richtige” Rezension fehlt mir, glaube ich, der Inhalt.
Trotzdem möchte ich ein paar Worte loswerden: das Buch enthält kleine Geschichten über das Zusammenleben mit einem Kater. Wer selbst eine Katze hat (oder hatte), dem wird vieles bekannt vorkommen. Zugegeben, die Katzen, die ich bisher kennengelernt habe, konnten alle nicht sprechen. Aber wenn sie es denn könnten, dann sprächen sie ganz ähnlich wie Mephistopheles (kurz: Stoffele), Hauptfigur des Buches: phantasievoll, sehr von sich eingenommen, aber doch irgendwie anhänglich.
Großen Tiefgang habe ich dort nicht entdeckt, aber die Geschichten sind schön geschrieben. Außerdem eignen sie sich aufgrund ihrer Länge — fünf bis zehn Seiten pro Kapitel, groß gedruckt — hervorragend zum Vorlesen.

Miau.

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Foundation nach fünfzehn Jahren noch einmal zu lesen, war ein seltsames Gefühl: das Buch ist natürlich dasselbe geblieben, der Rezipient aber nicht. Was mir am deutlichsten aufgefallen ist: die Welt der Foundation fühlt sich klein an. Von der Zivilisation, die eine ganze Galaxis besiedelt, von der gigantischen Hauptstadt Trantor, die einen ganzen Planeten umfaßt, wird zwar erzählt; aber ein Gefühl für die Größe fehlt mir.
Die Grundzüge der Handlung sind schnell erzählt: Hari Seldon hat die Psychologie zu einer exakten Wissenschaft gemacht, indem er Statistik auf menschliches Verhalten anwandte — ganz analog zur statistischen Mechanik, die das Verhalten von physikalischen Vielteilchensystemen beschreibt.
Dabei entdeckt Seldon, daß das galaktische Reich sich im Zerfall befindet.

And after the Fall will come inevitable barbarism, a period which, our psychohistory tells us, should, under ordinary circumstances, last for thirty thousand years. We cannot stop the Fall. We do not wish to; for Imperial culture has lost whatever virility and worth it once had. But we can shorten the period of Barbarism that must follow—down to a single thousand of years.

Um das barbarische Zeitalter, das dem Zerfall des Reiches folgt, zu verkürzen, gründet er unter einem Vorwand eine neue Zivilisation am Rande der alten; diese manipuliert er mit Hilfe seiner Theorie so, daß sie den Grundstein für den Aufstieg einer neuen Hochkultur legt.
Mit der Bewertung dieses klassischen Asimov-Titels tue ich mich recht schwer: das Thema halte ich für sehr gelungen, die Idee der Psychohistory ist gerade aus den Augen eines Naturwissenschaftlers betrachtet geradezu genial. Als das Werk Anfang der fünfziger Jahre erschienen ist, muß es visionär gewesen sein.
Aus heutiger Zeit scheinen allerdings die Fünfziger doch recht deutlich zwischen den Zeilen durch.

Auf einer Skala von eins bis fünf möchte ich es mit drei bis vier Sternen bewerten und entscheide mich letztlich dafür, es im Kontext seiner Zeit zu sehen und den letzten halben Stern noch aufzurunden. Für SF-Interessierte ist das Buch sicherlich Pflichtlektüre; wer mit dem Genre nicht soviel anfangen kann, findet hier solide hard SF, die dennoch für Mainstream-Leser zugänglich bleibt.

[lovelybooks]

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Unter meinen Büchern befindet sich so manches, das seit längerem darauf wartet, gelesen zu werden. Es gibt auch ein oder zwei, die ich angefangen habe, ohne so recht voran zu kommen.
Aber unter denen, die ich erst gar nicht anrühren mochte, war auch Brian Greenes Fabric of the Cosmos — zur Abwechslung mal ein Sachbuch. Inzwischen bin ich durch und muß sagen: es gab überhaupt keinen Grund, mit der Lektüre so lange zu zögern.

Greene setzt sich in seinem Buch mit der Frage auseinander, was denn Raum und Zeit eigentlich sind — sind sie dinglich, ein Etwas; oder lediglich ein mathematisches Abstraktum, um die Beziehung von Dingen (mögen es subatomare Teilchen oder ganze Galaxien sein) untereinander auszudrücken? Dabei geht es in erster Linie durchaus nicht um eine philospohische Abhandlung, sondern um ganz konkrete Physik. Diese darzustellen, gelingt dem Autor hervorragend: sie ist für den Laien verständlich dargestellt, ohne in Banalitäten abzugleiten; und auch der Physiker kann noch neues hinzulernen.

Angefangen mit dem Raum- und Zeitbegriff der klassischen Mechanik über die relativistische Raumzeit bis hin zu String- und M-Theorie klopft Greene die Physik auf ihre Herangehensweise an das Gewebe des Kosmos ab. Dabei mußte ich feststellen, daß zum Beispiel die Frage nach dem Zeitpfeil[1] deutlich komplexer ist, als ich bisher angenommen hatte. Der banale Hinweis auf den zweiten Hauptsatz reicht jedenfalls als Antwort nicht aus.

Ganz nebenbei entwickelt er damit auch eine Geschichte der Physik — ähnlich wie Singh das für die Mathematik getan hat. Und diese Geschichte ist wiederum hervorragend geeignet, einen Überblick über das Fach zu erhalten.

[1] Die Frage lautet: Was unterscheidet morgen von gestern? Fast alle physikalischen Gesetze unterscheiden nicht zwischen Zukunft und Vergangenheit, die beschriebenen Vorgänge können genausogut vorwärts wie rückwärts ablaufen. Dennoch können wir bei makroskopischen Ereignissen leicht zwischen vorwärts und rückwärts unterscheiden — Gläser zerbrechen, aber Scherben setzen sich nicht von selbst wieder zu Gläsern zusammen; wir erinnern uns an die Vergangenheit, aber nicht an die Zukunft.

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Splendidly discursive sei David Crystals By Hook or By Crook, so wird der Independent auf dem Umschlag zitiert; und das trifft den Kern ziemlich gut: der Autor fährt im Auftrag der BBC durch England (und Wales), um über die verschiedenen regionalen Dialekte zu berichten. Der Leser erfährt darüber hinaus alles, was ihm bei der Fahrt einfällt — manchmal sind es die Herkunft von Orts- oder Kneipennamen; aber oft genug spinnt er eine Assoziationskette, die irgendwo enden kann: bei einer Fernsehserie oder auf einem anderen Kontinent zum Beispiel.
Diesen Erzählstil muß man natürlich mögen, wenn einen die Lektüre nicht in den Wahnsinn treiben soll. Andererseits kann man das Buch durchaus längere Zeit beiseite legen, denn einen Faden, den zu verlieren man fürchten müßte, gibt es ja nicht.
Mir hat das Buch ganz gut gefallen, aber irgendwann fing es doch an, sich etwas zu ziehen — zweihundert Seiten hätten es in meinen Augen auch getan. Das mag allerdings anders aussehen, wenn man einige Zeit in England verbracht und eine Beziehung zu den Orten hat, die Crystal in seiner Journey in Search of English besucht.

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Jetzt, da ich Neal Stephensons jüngstes Werk Anathem durchgelesen habe, wird es Zeit, eine Rezension zu schreiben. Ich muß zugeben, daß ich mich damit schwer tue, und viel besser als der Klapptisch-Eintrag wird sie wohl nicht werden. Gänzlich unmöglich scheint mir eine Diskussion, die zukünftigen Lesern die Spannung erhält: Anathem lebt davon, daß man die Welt bei der Lektüre entdeckt.

Der Autor hat dem Text eine Einführung vorangestellt, die auch einen kurzen historischen Abriß enthält; er ermutigt erfahrene Leser aber, diese zu überspringen:

If you are accustomed to reading works of speculative fiction and enjoy puzzling things out on your own, skip this Note.

Auf den folgenden gut neunhundert Seiten folgen wir dem Erzähler, Erasmas, auf seinen Wegen durch eine seltsame Welt: eine Welt, in der Wissenschaftler in Klöstern leben, in denen sie fast keinen Kontakt zur Außenwelt haben; in der viele bekannte Konzepte unter unbekannten Namen auftauchen; in der das weltliche Leben (sæculum) seltsam verflacht und ungebildet erscheint.

Außerdem folgen wir Erasmas auch auf seinen Streifzügen durch die Metaphysik. An dieser Stelle wird es dann etwas anstrengender: zum einen, weil ich mich nicht sehr gut mit Metaphysik auskenne, und die mit den Theorien verknüpften Namen in Erasmas’ Welt nicht mit den bei uns bekannten übereinstimmen; zum anderen, weil hier vieles zwischen den Zeilen gesagt wird, und man deshalb sehr genau lesen muß, um den Faden nicht zu verlieren.

(An dieser Stelle schiebe ich eine Spoilerwarnung ein — wer Anathem noch lesen möchte und dabei Wert darauf legt, Welt und Handlung zu entdecken, sollte jetzt nicht unbedingt weiterlesen.)

Man kann die Teile des Romans, die die Diskussion über Metaphysik beschreiben, natürlich als Technobabble sehen und einfach überlesen. Ob das, was dann von der Handlung noch übrigbleibt, die Lektüre noch wert ist, darf aber bezweifelt werden: eine halbwegs interessante Reise — sozusagen ein Roadmovie in Buchform — immer wieder unterbrochen von längeren Dialogen, und ein recht konfuses Ende lohnen die gut neunhundert Seiten wohl nicht.

Doch nun hinfort mit vagen Andeutungen und her mit einer Inhaltsangabe: Irgendwann in der Vergangenheit ist der Gesellschaft auf Arbre — so heißt der Planet — aufgefallen, daß schlimme Dinge passieren können, wenn schlaue Menschen zu viele Werkzeuge in der Hand haben: Neutronenbomben zum Beispiel. In der Folge haben sie ihrer geistigen Elite nach und nach fast alles weggenommen, und der moderne Avout lebt in einer klosterähnlichen Gemeinschaft (Math), in der er nur drei Dinge besitzt: Bolt (Kutte), Chord (Gürtelschnur) und Sphere (eine in der Größe veränderliche Kugel, die unter anderem als Sitzgelegenheit dient). Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit werden den Avout in der weltlichen Gesellschaft alle möglichen und unmöglichen Eigenschaften angedichtet; nehmen sie doch je nach Math nur einmal pro Jahr, Jahrzehnt, Jahrhundert oder gar Jahrtausend Kontakt mit der Außenwelt auf.

Die Geschichte beginnt kurz vor Apert, dem zehntägigen Öffnen der Außentür in Erasmas’ Math: es herrscht verständlicherweise einige Aufregung, und als der Tag gekommen ist, nimmt man die Gelegenheit wahr, sich die Welt extramuros anzusehen und Verwandtenbesuche zu machen. Nach Ablauf der zehn Tage findet man wieder in den gewohnten Gang der Dinge zurück.

Der ändert sich, als auf Befehl der Inquisition das Observatorium der Math ohne weitere Erklärung geschlossen wird. Solchermaßen herausgefordert, bemühen sich einige der Avout nach Kräften, den Grund der Geheimniskrämerei herauszufinden. Sie machen schließlich ein außerirdisches (oder außer-arbrisches) Raumschiff ausfindig, doch noch bevor sie dazu wesentlich mehr in Erfahrung bringen können, wird eine ganze Reihe von ihnen durch einen Ritus namens Voco aus der Math in die säkulare Welt gerufen. Dies geschieht üblicherweise, wenn die Regierung einen bestimmten Experten benötigt; doch in diesem Falle gibt es gar ein Convox, eine Art Konferenz, an der Avout aus der ganzen Welt teilnehmen. Auf diesem Convox soll in der Tat diskutiert werden, wie man mit der bislang noch unbekannten Raumschiffbesatzung, für die sich die Bezeichnung Geometer eingebürgert hat, umgehen soll.

Erasmas folgt einem Rat des geheimnisvollen Fraa Jad, einem Millenarian, und reist nicht direkt, sondern auf Umwegen zum Konferenzort. Auf dem Weg dorthin lernt er bereits einiges über Metaphysik (“Metatheorics“), das dann später noch vertieft wird. Insbesondere wird eine Erweiterung der Kantschen Ideenlehre präsentiert, derzufolge es nicht nur eine Welt der Ideen und eine der Gegenstände gibt, sondern ein komplexes Netz von Welten, von denen einige “idealer”, andere “gegenständlicher” sind, so daß die Gegenstände unserer Welt die Ideen einer anderen sein können.

Doch damit nicht genug: das menschliche Bewußtsein, so wird behauptet, hat die Gabe, Verbindung mit anderen Welten aufzunehmen; wenn wir uns eine fiktive Situation vorstellen — es könnte jetzt etwa an der Tür klingeln, und ich würde diesen Text beenden, um Besuch zu empfangen — dann beobachten wir eigentlich eine reale Situation in einer anderen Welt.

Schließlich wird noch von zwei sagenumwobenen Gruppierungen berichtet, deren Existenz jedoch höchst zweifelhaft ist: die Rhetoren können durch Manipulation von Aufzeichnungen die Vergangenheit beeinflussen; die Incanter besitzen eine besonders ausgeprägte Verbindung zu anderen Welten und nutzen diese, um die Gegenwart zu verändern.

Im letzten Teil des Buches stellt sich heraus, daß alle diese Überlegungen mit ziemlicher Sicherheit zutreffen: die Geometer sind in Wirklichkeit ein recht bunter Haufen, sie stammen aus vier verschiedenen Welten, die Arbre alle recht ähnlich, aber doch nicht gleich sind. Als eine kleine Gruppe, zu der auch Erasmas gehört, schließlich in eine Umlaufbahn geschossen wird, um das fremde Raumschiff zu erkunden, geht es wirklich drunter und drüber: während ihrer Mission haben die frischgebackenen Astronauten seltsame Träume und Gedächtnislücken. Sind hier etwa Incanter am Werk? Es sieht ganz so aus. An Bord des fremden Raumschiffs geht es noch einmal hoch her, doch nachdem sich das Knäuel der Weltlinien gelöst hat, wird ein Friedensvertrag unterzeichnet.

An dieser Stelle wäre die Geschichte zu Ende, doch eine Frage läßt unsere Helden nicht los: was ist mit Fraa Jad? Ist er wirklich schon gestorben, bevor es richtig losging? Haben wir ihn nicht eben noch… Offenbar sind auch die Rhetoren nicht faul gewesen, und man weiß nicht mehr so recht, wem man trauen darf.

Zu guter Letzt wagt Arbre einen Neuanfang und hebt die alte Trennung von Säkulum und Maths auf. Der Schritt scheint nicht unbedingt folgerichtig, doch ich denke, hier hülfe es, das Buch erneut zu lesen. Das ist auch das größte — das einzige — Problem, das ich mit  Anathem habe: es ist ein gutes Buch, aber auch schwer verdaulich. Um es wirklich zu verstehen, müßte ich es ein zweites Mal lesen. Und bevor ich das tue, müßte der Stapel der ungelesenen Bücher erst etwas schrumpfen.

Der Leser möge die Länge dieser Rezension entschuldigen — für eine kürzere fehlen mir leider die Fertigkeiten.

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Das Buch ist so toll.

Schrieb ich neulich, daß in Anathem Wissenschaftler wie Mönche und Nonnen in Klostern leben, so kann ich das nach den ersten einhundertfünfzig Seiten etwas genauer ausführen: in grauer Vorzeit hatte ein gewisser Cnoüs eine Vision, die von seinen beiden Töchtern unterschiedlich interpretiert wurde. Während die eine glaubte, er habe Gott gesehen und sich gegen die Götzenanbetung ausgesprochen, befand die andere, er habe eine Art Ding an sich gesehen, eine Welt bevölkert von platonischen Ideen, die er der Welt der Erscheinungen vorziehe.

Die erste Tochter wurde zur Religionsstifterin in einem durchaus christlichen Sinne; die zweite hingegen gründete die Maths, zu denen ich keine echtes Analogon in unserer Welt kenne — außer vielleicht den sprichwörtlichen, aber ja nicht wirklich existenten Elfenbeinturm. Die Avout, die dort leben, könnte man am ehesten mit Mathematikern oder allenfalls theoretischen Physikern vergleichen: denn sie streben nach Erkenntnisgewinn nur um der Erkenntnis willen, jegliche Anwendung des erworbenen Wissens ist ihnen fremd.

Was die Lebensumstände innerhalb der Maths anbelangt, könnten sie denen in Forschungseinrichtungen unserer Welt nicht fremder sein; sie erinnern vielmehr an ein traditionelles Kloster: da ist die Disziplin, ein Regelwerk, das das gesamte Leben reglementiert — es gibt sogar eine Liste mit Pflanzen, die im Garten erlaubt sind; da ist die Inquisition, die über die Einhaltung der Regeln wacht; da sind tägliche Andachten; und natürlich die tiefe Traditionsverbundenheit.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, daß die Welt von Anathem älter ist als unsere — die Antike liegt siebentausend Jahre zurück, und auch das Praxic Age, das dem Industriezeitalter zu entsprechen scheint, liegt drei- oder viertausend Jahre in der Vergangenheit. Daher gibt es für manche Dinge, die uns neu sind, bereits eine jahrtausendealte Tradition.

Auch für Klapptische. Zwischen den großen Konzepten und der beeindruckenden Welt gibt es immer wieder Kleinigkeiten, die mich zum lachen bringen oder den Geek in mir ansprechen. Da ist zum Beispiel der Klapptisch aus Armeebeständen, der inzwischen das stolze Alter von zweieinhalbtausend Jahren erreicht hat, und dessen Mechanismus so kompliziert ist, daß der Protagonist auch nach einer Viertelstunde noch nicht in der Lage ist, den Tisch aufzustellen. Zum Glück gibt es eine Anleitung; diese ist allerdings lediglich fünfhundert Jahre jünger als der Tisch und daher in einer Sprache verfaßt, die nicht mehr ohne weiteres lesbar ist. Wer das nicht witzig oder doch wenigstens interessant findet, dürfte wohl kaum Freude an Anathem haben.

Ich dagegen habe nach zwei Kapiteln noch lange nicht genug. Mehr folge in Kürze.

[Edit: Typos, Übersetzung]

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Zugegeben, geborgtes ist nicht dabei, aber ein neues und ein altes Buch kann ich bieten, oder jedenfalls eines, dessen Lektüre ich gerade beendet habe, und eines, mit dem ich vor kurzem begonnen habe.

Bei ersterem handelt es sich um Pratchetts Wee Free Men. Nachdem ich von Making Money ein wenig enttäuscht war, haben mich die blauen Männer wieder begeistert: Pratchett vom Feinsten, wenn auch nicht ganz so bissig — aber dafür ist es ja ein Kinderbuch. Die Titelhelden sind in ihrer naiven, draufgängerischen Art einfach liebenswert, und der schottische Dialekt ist herrlich dargestellt.
Ansonsten ist das Buch so, wie Pratchetts Werke eben sind. Die Lektüre geht schnell von der Hand und macht Spaß; und wenn ich eben sagt, es sei nicht ganz so bissig, dann soll das nicht heißen, daß die Gesellschaftskritik ausgespart wäre. Sie nimmt nur einen nicht ganz so breiten Raum ein und ist vielleicht etwas zurückhaltender formuliert.

Neues gibt es von Neal Stephenson, einem meiner Lieblingsautoren. Ich glaube, auf ihn könnte ich weniger leicht verzichten als auf Pratchett: er schreibt zwar seltener, aber seine Werke unterscheiden sich viel stärker. Meine Einstiegsdroge Cryptonomicon spielte parallel im Zweiten Weltkrieg und der nahen Zukunft (inzwischen wohl schon Gegenwart) und handelte im weiteren Sinne von der Kryptographie. Der Nachfolger Baroque Cycle zeigte das Entstehen der Naturwissenschaften und des Finanzwesens zu Beginn der Aufklärung. In beiden Fällen hat mir Stephensons ruhiger Stil, der auf Spannungsbögen gerne verzichtet und stattdessen einfach Geschichten erzählt, sehr gefallen. Dabei beschreibt er oft Details, die wohl nur einem Geek auffallen können — sei es die Abhängigkeit der mathematischen Leistungsfähigkeit vom Sexualleben (komplett mit Formel und Diagrammen!), oder auch die täglichen Nebensächlichkeiten, die im siebzehnten Jahrhundert doch so anders sind als im einundzwanzigsten.

Stephensons neuestes Werk, Anathem, spielt gar nicht auf der Erde, sondern in einer seltsamen Parallelwelt, in der Wissenschaftler als eine Art Mönche und Nonnen (Fraas und Suurs) in Klöstern (Maths) leben. Manche von ihnen nehmen nur einmal im Jahrzehnt, Jahrhundert oder gar Jahrtausend Kontakt mit der Außenwelt auf, während im Innern das Leben von einer riesigen mechanischen Uhr geregelt wird.

Das ganze (oder doch zumindest die ersten fünfzig Seiten) wird in einer Sprache erzählt, die einen das Kloster fühlen läßt. Ich war von der ersten Seite an gefesselt, aber ich finde die Lektüre auch anstrengend — Anathem ist kein Buch, das man in einem Rutsch durchliest. Aber es verspricht ein lohnendes Unterfangen zu werden.

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Bei der Bewertung von Rudolf Kippenhahns Verschlüsselten Botschaften finde ich mich in einem Dilemma wieder; denn die größte Schwäche des Buchs ist gleichzeitig seine größte Stärke: der Autor verzichtet beinahe völlig auf Mathematik. Daher kann er moderne Schlüsselverfahren lediglich streifen. Wer hier einen Einblick gewinnen will, ist etwa mit Schneiers Applied Cryptography besser bedient.

Dem mathematischen Laien allerdings hat Kippenhahns Werk einiges zu bieten. Klassische Verfahren wie der Caesar-Chiffre werden recht ausführlich erklärt, und auch einige weniger bekannte Methoden wie etwa eine Transposition mittels einer drehbaren Schablone finden Erwähnung.
Einen recht breiten Raum nimmt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ein, hier besonders die Enigma. Neben der legitimen Ver- und Entschlüsselung stellt der Autor auch die Schwächen der Verfahren und die daraus resultierenden Angriffspunkte vor.

Die theoretischen Abschnitte sind immer wieder unterbrochen von plastisch erzählten historischen Szenen; so bleibt die Lektüre auch dann abwechslungsreich, wenn die Theorie wegen mathematischer Vorkenntnisse einige Längen aufweist, oder aber mangels solcher Kenntnisse sehr trocken wird.

Zum Schluß werden auch moderne Verfahren kurz angerissen, und man erfährt etwa, wie Public-Key-Kryptographie prinzipiell funktioniert, oder die Geheimzahl einer Scheckkarte abgesichert wird.
Unter dem Strich ist das Buch eine gute Einführung in die Kryptologie; wer sich mit den Verfahren bereits etwas auskennt, der hat immerhin eine kurzweilige Lektüre, bei der er auch noch ein paar interessante historische Details lernen mag.

[Diese Rezension ist auch bei Lovelybooks verfügbar (derzeit leider nur für dort registrierte Mitglieder]

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