Einträge mit dem Tag ‘Geschichten’

Zu Totleigh Towers hat Betram Wooster ein ganz eigenes Verhältnis: der Hausherr ist nicht nur ein Richter im Ruhestand, der ihm schon einmal eine Geldstrafe aufgebrummt hat; das Anwesen ist auch der Schauplatz der unrühmlichen Cow-Creamer-Episode, in der Bertie auf Veranlassung Tante Dahlias ein silbernes Milchkännchen in Form einer Kuh stehlen sollte.

‘You won’t come to Totleigh?’
‘Not within fifty miles of the sewage dump.’

Als ihn ein Schulfreund, “Stinker” Pinker bittet, für einige Tage dorthin zu reisen, lehnt er zunächst rundheraus ab. Erst als die Verlobung der Tochter des Hauses mit Gussie Fink-Nottle brüchig wird, ändert er seine Meinung. Daß ihm dabei weniger das Glück der Beiden, sondern eher sein eigenes Junggesellendasein am Herzen liegt, dürfte niemanden wirklich überraschen.

Als erst alle Akteure versammelt sind, geht es in gewohnter Weise drunter und drüber: ein durchgedrehter Terrier, eine Bernsteinstatue auf Wanderschaft, ein sehr britischer Abenteurer und natürlich Roderick Spode sorgen für so viele Probleme, daß Jeeves gleich mehrfach helfend eingreifen muß.

On his own showing, he had for years been horning in uninvited on the aborigenes of Brazil, the Congo and elsewhere, and not one of them, apparently, had had the enterprise to get after him with a spear or to say it with poisoned darts from the family blowpipe. And these were the fellows who called themselves savages. Savages, forsooth!

Am Ende ist natürlich alles wieder in Ordnung. Das ist kein klassisches Happy End nach dem Moto Friede, Freude, Eierkuchen; aber die akuten Krisen sind beigelegt, und jeder geht seines Weges. Die zweihundert Seiten dahin sprühen in bekannter Wodehouse-Manier vor Sprachwitz, so daß ich das Buch wieder nur wärmstens empfehlen kann.

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England in den fünfziger Jahren: die alten Landsitze sehen zwar romantisch aus, aber ihre verarmten Eigentümer können sich weder Personal noch Reparaturarbeiten leisten. Schlimmer noch, manch einer muß sogar arbeiten gehen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Im Familiensitz von Lord Rowcester tropft es zwar auch gehörig, aber immerhin gibt es noch eine Köchin und einen Butler. Seine Lordschaft betätigt sich unter Zuhilfenahme eines falschen Bartes gelegentlich als Buchmacher. Wenn allerdings das falsche Pferd gewinnt, birgt dieses Geschäft doch gewisse Risiken. Wie gut, wenn eine amerikanische Millionärin mit spiritistischen Interessen Gefallen an dem alten Gemäuer zeigt.

Zugegeben, Rowcesters Schwager, Sir Roderick, hat ein unnachahmliches Talent, zur falschen Zeit das Falsche zu sagen, und könnte bei den Verkaufsverhandlungen hinderlich sein. Doch der Butler ist niemand Geringeres als Jeeves, und der hat bekanntlich stets eine Idee parat.

Bertie Wooster taucht in dieser Geschichte übrigens nicht auf, er besucht eine Schule, um das Leben ohne Personal zu erlernen. Seine Abwesenheit tut das Ihre, um Ring for Jeeves ein ganz eigenes Lesegefühl zu geben.

Ring for Jeeves ist in meinen Augen einer der schwächeren Bände aus der Reihe. Zum einen gleitet Wodehouse’ üblicher Wortwitz hier zu sehr in Richtung Slapstick ab, zum anderen fehlt mir der gediegene aristokratische Hintergrund der Geschichten. Zwar ist es durchaus ein Genuß anzusehen, wie der Autor sich über eben diesen Adel lustig macht, aber zu Jeeves gehört eben eine gediegenere Atmosphäre.

Ich habe das Buch trotzdem sehr genossen, im Kontrast zu den älteren Bände möchte ich aber einen (Bewertungs-)Stern abziehen.

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Eine Rezension zu einem neuen Jeeves-Band muß vor allem betonen, daß sich soviel gegen über den anderen Bänden gar nicht geändert hat. Geblieben sind der Sprachwitz, der leicht trottelige, aber unglaublich liebenswerte Bertie, sein übermenschlicher und doch so bescheidener Diener Jeeves. Außerdem natürlich das Leben in der britischen Oberschicht der (inzwischen) dreißiger Jahre — eine Gesellschaft, in der niemand arbeiten muß, in der es keine Sachzwänge gibt, sondern höchstens gesellschaftliche Verpflichtungen.

Come at once. Travers.

Ganz besonders gilt das natürlich für die lieben Verwandten, denn die Familie läßt man unter keinen Umständen im Stich. Das heißt natürlich nicht, daß man sich nicht ein bißchen zieren kann oder die eine oder andere Aufgabe etwas erleichtern.

Perplexed. Explain. Bertie.

Als Bertrams Lieblingstante Dahlia ihn bittet, im örtlichen Gymnasium Schülerpreise zu verleihen, schiebt er seinen Freund Gussie vor. Der ist zwar ein Experte, was Molche anbetrifft, im menschlichen Umgang aber weniger gewandt — ein Geek, würde man heute sagen. Als Berties Cousine ihre Verlobung löst, fährt er dann doch zu seiner Tante, um die Dinge ins Lot zu bringen.

What on earth is there to be perplexed about, ass? Come at once. Travers.

Einmal dort angekommen, steigt die Zahl der Konflikte, bei denen er seine Hilfe anbietet, ins Unermessliche. Leider tragen Berties Ideen nicht gerade dazu bei, die Probleme zu lösen, sondern erzeugen im Gegenteil nur neue Schwierigkeiten.

How do you mean come at once? Regards. Bertie.

Letztlich muß Jeeves dann die Dinge wieder richten, und er tut das in seiner üblichen Art: mit beinahe einem einzigen Kunstgriff lösen sich alle Animositäten in Wohlgefallen auf.

I mean come at once, you maddening half-wit. What did you think I meant? Come at once or expect an aunt’s curse first post tomorrow. Love. Travers.

Neben dem subtilen Humor, der sich durch die Geschichten zieht, gefällt mir vor allem die Figur des Bertie Wooster. Seine Versuche, Freunden zu helfen, gehen zwar meist schief und bedürfen Jeeves’ helfender Hand; aber er stellt sich nie völlig dämlich an. Und auch wenn oft alle auf ihn schimpfen, fabriziert er das Chaos in seiner Umgebung doch selten wirklich allein. Bei alledem genießt er das Leben und läßt sich den Spaß nicht nehmen.

When you say ‘Come’ do you mean ‘Come to Brinkley Court’? And when you say ‘At once’ do you mean ‘At once’? Fogged. At a loss. All the best. Bertie.

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Robin Hobb hat’s einfach drauf. Ich habe keine Ahnung, wie sie es macht, aber bei jedem ihrer Bücher ging mir das Schicksal der Protagonisten innerhalb kürzester Zeit so zu Herzen, daß ich mit dem Lesen nicht mehr aufhören konnte. Shaman’s Crossing ist da keine Ausnahme.

Ich finde Hobbs Werke unglaublich spannend, meine damit aber nicht die Spannung eines Krimis: nicht der Fortgang der Handlung steht im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit, sondern das Seelenleben der Charaktere und die Art, in der sie mit ihrem Schicksal umgehen.

Shaman’s Crossing, der erste Teil der Soldier Son-Trilogie, spielt in einer fiktiven feudalistischen Gesellschaft irgendwo zwischen Spätmittelalter und Barock, mit einem leichten Wild-West-Einschlag. Es ist eine chauvinistische und streng religiöse Welt, in der Frauen möglichst vorteilhaft verheiratet werden und nicht viel zu sagen haben, während die Männer den Beruf ihres Vaters ergreifen. Lediglich für Söhne adliger Väter hat der sehr christlich anmutende good god eine andere Laufbahn vorgesehen: der Erstgeborene erbt Besitz und Titel, der zweite wird Soldat, der dritte Priester und so weiter.

Das Land befindet sich mitten in einem Umbruch. Nachdem die nomadischen Bewohner der angrenzenden Steppen in einem langen Krieg besiegt wurden — man mußte die Wilden zähmen und ihnen die Vorteile der Zivilisation beibringen — werden Offiziere, die sich besonders ausgezeichnet haben, vom König in den Adelsstand erhoben. Sie sollen die neu eroberten Gebiete besiedeln, während die Expansion des Reiches weitergeht.

Nevare ist der zweitgeborene Sohn eines solchen New Noble, und nach seiner Ausbildung auf dem heimischen Gut wird er mit achtzehn in die Militärakademie in der Hauptstadt aufgenommen. Er stellt allmählich fest, daß hier nicht nur strenge Disziplin herrscht, sondern die Kadetten auch Spielbälle in politischen Ränkespielen sind, von deren Existenz er nichts geahnt hat.

Unterdessen gestalten sich die weiteren Eroberungen schwierig: die Speck oder Gefleckten Menschen wollen so gar nicht dem Bild des edlen Wilden entsprechen, der mit unterlegenen Waffen zum offenen Kampf antritt, und den es zu zähmen gilt. Sie sind eher Guerilla-Kämpfen, man weiß wenig von ihnen, achtet sie nicht, und weiß nicht so recht, wie man mit ihnen fertigwerden soll. Außerdem gibt es da noch eine Seuche, die in in der Nähe der Gefleckten halbe Garnisonen ausrottet, und von der man munkelt, sie werde beim Geschlechtsverkehr übertragen…

An dieser Stelle ist eigentlich klar, daß die Speck in den folgenden Bänden eine wichtige Rolle spielen werden, und es sollte mich nicht wundern, wenn sich aus der Nähe manches anders darstellte, als es dem Protagonisten derzeit erscheint.

Über all diesen Ereignissen liegen die kleinen Sorgen und Nöte der Charaktere — insbesondere eben die Nevares — und die bringt einem die Autorin eben sehr nahe.

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Thank you, Jeeves ist die erste Geschichte über Jeeves in Romanform — die früheren Bücher sind nur Sammlungen von Kurzgeschichten. Diese knüpfen zwar meist auch aneinander an, da aber jedes Kapitel einen eigenen Spannungsbogen hat, ist der Gesamteindruck oft etwas unruhig. Die gleichmäßigere Entwicklung, die ein Roman ermöglicht, habe ich durchaus genossen.
Sprachlich ist das Werk wie zu erwarten brillant, und ich habe einmal mehr Jeeves und Wooster gefunden, wie ich sie kenne und liebe: Schnodderigkeit gegen sprachliche Präzision, der verlebte Tag gegen Effizienz und Zielstrebigkeit, die beiden geben ein wunderbares Paar ab.

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Vor vielen Jahren — vielleicht zehn oder etwas mehr — habe ich in meiner Stammbuchhandlung zum ersten Mal einen Otherland-Band gesehen. Aus irgendeinem Grunde habe ich zwar ab und an einen Blick darauf geworfen, mich aber nie weiter dafür interessiert.

Inzwischen habe ich Stadt und Buchhandlung gewechselt, aber als mein Blick Anfang 2009 auf City of Golden Shadow fiel, da habe ich zugeschlagen. Die geheimnisvolle Stadt, die auf dem Buchdeckel abgebildet ist, mag bei meiner Entscheidung eine Rolle gespielt haben. Aber wichtiger noch waren die Konnotationen, die in dem Namen Otherland mitschwangen: ich stelle mir eine Welt vor, die völlig anders ist, entrückt, eben nicht von dieser Welt. Das hat sich wieder so angefühlt wie damals, als der Protagonist eines Egan-Romans von seinen Kindheitserinnerungen an die Kähler-Mannigfaltigkeit berichtete; nur, daß ich damals sofort, nachdem ich das Zitat in einer Rezension entdeckt hatte, hin und weg war. Bei Otherland hat sich die Spannung langsam, über Jahre aufgebaut.

Nun lag der erste Band also vor mir. Daß es doch recht lange — etwa ein Jahr — gedauert hat, bis ich die gut neunhundert Seiten durchgelesen hatte, stellt ihm kein gutes Zeugnis aus.

Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft. Ein weltweites Computernetzwerk — man könnte es Web 3.0 nennen — ist allgegenwärtig, und der Zugang erfolgt in der Regel in der Art der virtuellen Realität: man sitzt nicht vor dem Bildschirm, sondern taucht mit Brille und Datenhandschuhen (oder gleich durch ein Implantat) völlig ein in die Computerwelt.

Der Autor präsentiert eine Reihe von Erzählsträngen, die erst im Laufe der Zeit zusammengeführt werden. Da gibt es Thargor, den sehr stereotypen schwertschwingenden Helden in einer ebenso stereotypen Fantasywelt, offensichtlich ein Rollenspiel. Dazu findet man einige undurchsichtigere Episoden, etwa über einen psychopathischen Serienmörder oder einen altägyptischen Gottkönig.

Sehr beeindruckend im Sinne meiner Otherland-Erwartungen, aber auch sehr beängstigend finde ich die Handlung um Paul Jonas, die das Buch auch eröffnet: er ist Soldat in einem Schützengraben im ersten Weltkrieg, aber Kulisse und Handlung sind in ihrem Schrecken seltsam abstrahiert, der Beschuß nie endend, Jonas’ Erinnerung verblaßt, sein Erleben von seltsamen Träumen geprägt. Dieser Erzählstrang blieb für mich lange unklar, aber er gehört zu den stärkeren Seiten des Romans.

Die Haupthandlung ist dagegen so gewöhnlich, daß sie sich fast im eigenen Bekanntenkreis abspielen könnte: die Südafrikanerin Irene Sulaweyo (Renie) lehrt an der Universität, muß sich aber nebenbei um ihren Bruder kümmern, der noch ein Kind ist, und ihren Vater, der seit dem Tod der Mutter apathisch geworden und dem Alkohol verfallen ist. Ihre kleinen Sorgen und Nöte spitzen sich zu, als ihr Bruder plötzlich ins Koma fällt. Bei ihren Recherchen findet Renie heraus, daß es überall auf der Welt ähnliche Fälle gibt. Zusammen mit einem ihrer Studenten, dem Buschmann !Xabbu, macht sie sich daran, den Grund für die Epidemie aufzudecken.

Ich bin durchaus kein Feind von Erzählungen mit Längen — allerdings erwarte ich schon, daß diese Längen einen erzählerischen Sinn haben. Wenn City of Golden Shadow an die vierhundert Seiten Vorgeplänkel braucht, bis der Leser überhaupt weiß, worum es sich dreht — bis sozusagen die Frage gestellt ist und die Suche nach der Antwort beginnen kann — dann möchte ich auch, daß das Vorgeplänkel an sich und ohne den Hintergrund des Romans eine spannende Geschichte bietet. Frei nach Saint-Exupéry soll eben kein Satz gestrichen werden können. Bei einigen der Erzählstränge hat Williams das geschafft — vor allem eben bei dem um Paul Jonas — aber die Geschichte um Renie plätschert leider recht langweilig vor sich hin. Wenn es andererseits nur um die Vorstellung der Charaktere gegangen wäre, dann hätte man das auch wesentlich weniger raumgreifend tun können.

Ab diesem Punkt, an dem also Charaktere und Kulisse an Ort und Stelle sind und die eigentliche Handlung beginnt, ist das Buch dann endlich spannend und mitreißend bis zur letzten Seite. Damit sind wir auch schon bei dem zweiten Problem, das ich mit City of Golden Shadow habe: es hat kein Ende. Damit meine ich nicht, daß etwa das Dénouement zugunsten eines Cliffhangers fehlte. Vielmehr hört das Buch einfach mitten in der Handlung — aber mitnichten an einer herausragend spannenden Stelle — auf. Zugegeben, Otherland gilt als ein langer Roman, der lediglich aufgrund äußerer Umstände in vier Bänden erschienen ist (Bücher mit viertausend Seiten lassen sich nunmal schlecht binden oder verkaufen). Allerdings erwarte ich trotzdem, daß die einzelnen Bände wenigstens in Grundzügen einen Abschluß bieten, zum Beispiel indem eine Teilhandlung beendet und die nächste noch nicht begonnen ist. Das klappt bei den allseits beliebten Trilogien ja auch, selbst beim Herrn der Ringe, der ursprünglich als einbändiges Werk geplant und dann vom Verlag aus wirtschaftlichen Gründen geteilt wurde.

Zusammenfassend finde ich — ohne Kenntnis der anderen Bände — die Geschichte durchaus interessant und spannend, wegen des viel zu langen Anfangs und des fehlenden Endes mag ich aber trotzdem nur drei von fünf Sternen vergeben.

[Edit: Typo]

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Es fällt mir ein bißchen schwer, eine Rezension für The Inimitable Jeeves zu schreiben: eigentlich ist alles wesentliche schon gesagt. Das ursprünglich 1923 erschienene Buch enthält bestes Jeeves-und-Wooster-Material, präsentiert mit Wodehouse’schem Sprachwitz: Bingo Little geht durch diverse Liebschaften, Berties Vettern schlagen über die Stränge, und gewettet wird auf alles, sogar auf die Länge von Predigten.

I buzzed into the flat like an east wind … and there was the box of cigarettes on the small table and the illustrated weekly papers on the big table and my slippers on the floor, and every dashed thing so bally right, if you know what I mean, that I started to calm down in the first two seconds.

In gewisser Weise erinnert das Lesen des Buchs an das Leben von Bertie Wooster: eigentlich passiert immer wieder das gleiche; aber das wirkt überhaupt nicht langweilig, sondern in seiner Vertrautheit anrührend, sozusagen das literarische Äquivalent zum Sessel am Kamin.

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How these papers have been placed in sequence will be made clear in the reading of them.

Ich fahre gerade durch Minden, und der ausgelesene Dracula liegt vor mir. Daß ich zwei Jahre für die gut fünfhundert kleinformatigen Seiten gebraucht habe, liegt nicht — wie man vielleicht vermuten könnte — am Text selbst; es ist allein der Tatsache geschuldet, daß dieses Buch, einmal unterwegs begonnen, für mich zur Reiselektüre geworden ist, die ich nur im Zug wirklich lesen mag.

Stokers Dracula ist sicher einer der bekanntesten Romane; ich möchte aber bezweifeln, ob er auch zu den meistgelesenen gehört: er dürfte vielmehr als Symbol für unzählige Filme (oft unter gleichem Namen) und Bücher stehen.

Für mich ist das Interessanteste an der Geschichte nicht die Handlung an sich — Vampirbücher gibt es schließlich genug am Markt; auch die Art der Erzählung, eine Sammlung von Briefen, Telegrammen und Tagebucheinträgen, ist zwar nicht völlig gewöhnlich, aber auch nicht gerade einzigartig. Sehr schön gelungen finde ich hier übrigens die verschachtelten Berichte aus Kostovas Historian.

Nein, der wirklich interessante Punkt ist der Einblick in die viktorianische Gesellschaft, die der Leser erhält. Ich kann nur vermuten, daß dies einem zeitgenössischen Leser kaum auffiele — aus heutiger Sicht jedoch springt die Fremdheit fast aus jeder Zeile heraus. Sei es Klassentrennung, die starken Geschlechterrollen, oder die alles durchdringende Religiosität — die Unterschiede zum einundzwanzigsten Jahrhundert muten um so stärker an, als Urbanisierung und technischer Fortschritt im ausgehenden neunzehnten ihrem heutigen Zustand schon recht nahekommen.

May it not frighten her terribly? It is unusual to break into a lady’s room!

An dieser Stelle möchte ich exemplarisch die Klassengesellschaft herausgreifen.

Da gibt es den Arbeiter: dem Bier zugetan, verstockt bis unterwürfig (je nach Trockenheit der Kehle), einfältig oder bestenfalls mit Bauernschläue beseelt.
Welch Unterschied dazu der Bürger aus der Mittelschicht: mit untadeligem Benehmen, prinzipientreu, jederzeit dem Wohl anderer und der Gesellschaft verpflichtet.
Ja, und dann haben wir natürlich noch den Aristokraten, dem zusätzlich ein Führungsanspruch zu eigen ist: sei es, daß er jederzeit mit jedem Menschen sprechen kann, wenn er es wünscht; sei es, daß eigentlich absolute Verschwiegenheit ihm gegenüber doch nicht unbedingt gewahrt wird.

Nun wäre es natürlich naiv, anzunehmen, heutzutage existierten keine Schichten oder Geschlechterrollen mehr. Nicht ganz sicher bin ich mir aber, ob die hier dargestellten viel krasseren Unterschiede den Blick für unsere Welt eher schärfen oder verstellen. Wie dem auch sei: fünf Sterne und eine Leseempfehlung gibt es in jedem Falle.

[Edit: Typo]

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Als wir gestern aus dem Kino kamen, fiel der Blick der Eule auf die Bildschirme mit dem aktuellen Programm. Wir hatten Sherlock Holmes gesehen — eine ungewöhnliche Adaption der alten Geschichten, die aber sehr gut gelungen ist. Zwar geht es hier auch actionreicher zur Sache als in den anderen Verfilmungen, aber der Hauptunterschied ist  Holmes selbst: ungepflegt, mit Dreitagebart, in zerschlissener Kleidung, verschanzt er sich tagelang in seinem ungelüfteten Zimmer; das paßt erst einmal gar nicht zu dem Doyle’schen Gentleman mit dem scharfgeschnittenen Gesicht. Und doch: unter diesen Äußerlichkeiten ist das der Holmes, den wir kennen. Exzentrisch, brilliant, beharrlich — und Gesellschaft erträgt er eben nicht immer. Ja, diesen Holmes fand ich sehr gut getroffen. Positiv vermerken möchte ich auch, daß Watson etwas selbstbewußter und intelligenter — damit auch realistischer — dargestellt wird, als das in den Büchern der Fall ist. Wenn ein Arzt, der in Indien gedient hat, keinen Schlangenbiß erkennt, geht einem doch echt der Hut hoch.

Ja, wir kamen also aus dem Kino, und die Eule blickte auf das Programm; genauer gesagt, auf Alice. Wir haben dann noch ein bißchen hin und her diskutiert: sollen wir? sollen wir nicht? aber letztlich sah uns der Abend doch wieder an der Kasse. Zugegeben, elf Uhr ist nicht unbedingt der ideale Startzeitpunkt für einen Kinofilm, wenn man am nächsten Tag arbeiten muß. Aber ab und zu darf man auch mal etwas Verrücktes tun. Und was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. Am Anfang fand ich die Landschaftsaufnahmen nicht so gelungen: ich hatte das Gefühl, alle Bäume und Sträucher wären lediglich auf zwei oder drei Ebenen hintereinander angeordnet, was den 3d-Effekt doch sehr bemüht aussehen läßt.  In Underland war das aber nicht mehr so, und ab da hat die Optik begeistert: alles war sehr liebevoll und märchenhaft gestaltet. Die Cheshire-Katze war unglaublich katzenhaft, und Johnny Depp als Mad Hatter ist einfach göttlich.

Wir haben sehr viel Spaß gehabt und können Euch beide Filme empfehlen.

Und immer daran denken: Schlaf ist halt doch kein echter Ersatz für Kaffee.

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Eigentlich ist das, was Tanja da bei Michael aufgelesen hat, kein Stöckchen. Jedenfalls steht es nicht dran. Ich konnte es aber trotzdem nicht liegenlassen.

Das ZDF hat eine Liste mit den hundert liebsten Büchern seiner Zuschauer erstellt. Da geht natürlich gleich das große Zählen los: wer hat wie viele davon gelesen? Ich komme auf achtzehn, das paßt erstaunlicherweise ganz gut zu den obengenannten.

  1. Der Herr der Ringe, JRR Tolkien
  2. Die Bibel
  3. Die Säulen der Erde, Ken Follett
  4. Das Parfum, Patrick Süskind
  5. Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry
  6. Buddenbrooks, Thomas Mann
  7. Der Medicus, Noah Gordon
  8. Der Alchimist, Paulo Coelho
  9. Harry Potter und der Stein der Weisen, JK Rowling
  10. Die Päpstin, Donna W. Cross
  11. Tintenherz, Cornelia Funke
  12. Feuer und Stein, Diana Gabaldon
  13. Das Geisterhaus, Isabel Allende
  14. Der Vorleser, Bernhard Schlink
  15. Faust. Der Tragödie erster Teil, Johann Wolfgang von Goethe
  16. Der Schatten des Windes, Carlos Ruiz Zafón
  17. Stolz und Vorurteil, Jane Austen
  18. Der Name der Rose, Umberto Eco
  19. Illuminati, Dan Brown
  20. Effi Briest, Theodor Fontane
  21. Harry Potter und der Orden des Phönix, JK Rowling
  22. Der Zauberberg, Thomas Mann
  23. Vom Winde verweht, Margaret Mitchell
  24. Siddharta, Hermann Hesse
  25. Die Entdeckung des Himmels, Harry Mulisch
  26. Die unendliche Geschichte, Michael Ende
  27. Das verborgene Wort, Ulla Hahn
  28. Die Asche meiner Mutter, Frank McCourt
  29. Narziss und Goldmund, Hermann Hesse
  30. Die Nebel von Avalon, Marion Zimmer Bradley
  31. Deutschstunde, Siegfried Lenz
  32. Die Glut, Sándor Márai
  33. Homo faber, Max Frisch
  34. Die Entdeckung der Langsamkeit, Sten Nadolny
  35. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera
  36. Hundert Jahre Einsamkeit, Gabriel Garcia Márquez
  37. Owen Meany, John Irving
  38. Sofies Welt, Jostein Gaarder
  39. Per Anhalter durch die Galaxis, Douglas Adams
  40. Die Wand, Marlen Haushofer
  41. Gottes Werk und Teufels Beitrag, John Irving
  42. Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel Garcia Márquez
  43. Der Stechlin, Theodor Fontane
  44. Der Steppenwolf, Hermann Hesse
  45. Wer die Nachtigall stört, Harper Lee
  46. Joseph und seine Brüder, Thomas Mann
  47. Der Laden, Erwin Strittmatter
  48. Die Blechtrommel, Günter Grass
  49. Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque
  50. Der Schwarm, Frank Schätzing
  51. Wie ein einziger Tag, Nicholas Sparks
  52. Harry Potter und der Gefangene von Askaban, JK Rowling
  53. Momo, Michael Ende
  54. Jahrestage, Uwe Johnson
  55. Traumfänger, Marlo Morgan
  56. Der Fänger im Roggen, Jerome David Salinger
  57. Sakrileg, Dan Brown
  58. Krabat, Otfried Preußler
  59. Pippi Langstrumpf, Astrid Lindgren
  60. Wüstenblume, Waris Dirie
  61. Geh, wohin dein Herz dich trägt, Susanna Tamaro
  62. Hannas Töchter, Marianne Fredriksson
  63. Mittsommermord, Henning Mankell
  64. Die Rückkehr des Tanzlehrers, Henning Mankell
  65. Das Hotel New Hampshire, John Irving
  66. Krieg und Frieden, Leo N. Tolstoi
  67. Das Glasperlenspiel, Hermann Hesse
  68. Die Muschelsucher, Rosamunde Pilcher
  69. Harry Potter und der Feuerkelch, JK Rowling
  70. Tagebuch, Anne Frank
  71. Salz auf unserer Haut, Benoite Groult
  72. Jauche und Levkojen , Christine Brückner
  73. Die Korrekturen, Jonathan Franzen
  74. Die weiße Massai, Corinne Hofmann
  75. Was ich liebte, Siri Hustvedt
  76. Die dreizehn Leben des Käpt’n Blaubär, Walter Moers
  77. Das Lächeln der Fortuna, Rebecca Gablé
  78. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Eric-Emmanuel Schmitt
  79. Winnetou, Karl May
  80. Désirée, Annemarie Selinko
  81. Nirgendwo in Afrika, Stefanie Zweig
  82. Garp und wie er die Welt sah, John Irving
  83. Die Sturmhöhe, Emily Brontë
  84. P.S. Ich liebe Dich, Cecilia Ahern
  85. 1984, George Orwell
  86. Mondscheintarif, Ildiko von Kürthy
  87. Paula, Isabel Allende
  88. Solange du da bist, Marc Levy
  89. Es muss nicht immer Kaviar sein, Johanns Mario Simmel
  90. Veronika beschließt zu sterben, Paulo Coelho
  91. Der Chronist der Winde, Henning Mankell
  92. Der Meister und Margarita, Michail Bulgakow
  93. Schachnovelle, Stefan Zweig
  94. Tadellöser & Wolff, Walter Kempowski
  95. Anna Karenina, Leo N. Tolstoi
  96. Schuld und Sühne, Fjodor Dostojewski
  97. Der Graf von Monte Christo, Alexandre Dumas
  98. Der Puppenspieler, Tanja Kinkel
  99. Jane Eyre, Charlotte Brontë
  100. Rote Sonne, schwarzes Land, Barbara Wood
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