Einträge mit dem Tag ‘Rezension’

Ein paar Gedanken zu Terror der Tentakel von A. Lee Martinez:

Für eine richtige Rezension fehlen mir Zeit und Lust, aber zwei Punkte, die mich besonders gestört haben, will ich erwähnen. Zum einen vermisse ich "Show, don't tell" -- stattdessen finden sich endlose, ziemlich witzlose Dialoge, die die Story voranbringen sollen. Zum anderen gibt es viel zu viel erzählerische Magie -- ob die Handelnden z.B. einen Kampf gewinnen oder durch Konstruktion einer aberwitzigen Maschine einen Ausweg aus einer schwierigen Lage finden, richtet sich rein nach den Wünschen des Autors, ist aus der inneren Logik der Geschichte aber nicht zu erklären. Da müssen drei von fünf Sternen reichen. 

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Eigentlich bin ich kein großer Fan von Biographien, aber heute will ich eine Ausnahme machen und ein paar Worte zu Heisenbergs Der Teil und das Ganze sagen.

Mich hat vor allem interessiert, einen Einblick in die Anfangszeit der Quantenmechanik zu bekommen -- eine Zeit, in der die Tür zu einem weiten Feld gerade aufgestoßen war, in der es (jedenfalls aus heutiger Sicht) viel zu entdecken und zu erforschen gab und in der Geschichte passierte. In dieser Beziehung bin ich natürlich auf meine Kosten gekommen, aber es gibt auch noch andere interessante Episoden in dem Buch. Bevor ich auf diese näher eingehe, will ich noch kurz erwähnen, daß der an den physikalischen Laien gerichtete Text zu wissenschaftlichen Problemen meist nur Andeutungen macht, die gerade ausreichen, die Neugier zu wecken, nicht jedoch, sie zu stillen. Da werde ich mich wohl noch anderweitig informieren müssen.
So war mir zum Beispiel neu, daß die Heisenbergsche Quantenmechanik ursprünglich keine Wellenmechanik war. Die hat Schrödinger erst später eingeführt, und ich wüßte doch zu gerne, wie diese ursprüngliche Formulierung aussah.

Neben der Physik kommen aber, wie gesagt, auch noch andere Themen vor.
Die Beschreibung der Anfangszeit in Göttingen und der Spaziergänge, die Heisenberg dort mit Bohr unternimmt, haben ein bißchen das Gefühl von Heimat geweckt.
Besonders eindrücklich habe ich aber die Zeit des dritten Reiches empfunden -- man redet dabei so oft von der Verfolgung der Juden und anderer Minderheiten, daß der Blick auf den Durchschnittsbürger oft ein bißchen in Vergessenheit gerät: die bedrückende Stimmung in einem totalitären Staat, die Katastrophe, die vielen schon früh als unausweichlich erschien, und die Frage, wie man sich selbst verhalten soll.

Zum Schluß möchte ich noch kurz auf die Art der Darstellung eingehen: Der Autor bestreitet große Teile des Buches durch Gespräche mit Zeitgenossen. Das zieht den Leser in die Geschehnisse mit hinein und sorgt gleichzeitig für einen sehr persönlichen Blick auf die Dinge.

Mir fehlt, wie zu Anfang schon angedeutet, die Erfahrung, diese Form der Darstellung in den Kontext anderer Biographien einzuordnen. Mir hat sie jedoch gut gefallen.

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Am Anfang seiner Karriere war Professor Mortimer in Kairo: hier hat er das Geheimnis der großen Pyramide[1] gelüftet. Die Geschichte ist ursprünglich in zwei Bänden erschienen, die in der deutschen Ausgabe die Nummern eins und zwei tragen. Der eigentliche Beginn der Reihe, das dreibändige Kriegsepos Der Kampf um die Welt, ist erst etliche Jahre später auf deutsch veröffentlicht worden.

Weil dies schon meine dritte Rezension zu Blake und Mortimer ist, will ich mich kurz fassen: Jacobs' Stil begeistert mich nach wie vor, aber den Futurismus der späteren Bände vermisse ich doch. Stattdessen bekommen wir eine kleine Dosis Magie, die meines Erachtens nicht so recht zu den Hauptfiguren paßt. Deshalb mag ich diesmal auch nur vier von fünf Sternen vergeben.

Meine Ausgabe ist in einem Band bei Dargaud erschienen, und sie kann sich durchaus sehen lassen: unter den 128 Seiten finden sich auch zwölf mit Abdrucken der ursprünglichen Veröffentlichung in Form einer Fortsetzungsgeschichte im Tintin; ein Festeinband versteht sich von selbst.

  1. Cheops-Pyramide
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Heute habe ich das erste Buch aus der Challenge 20/13 beendet -- ein Buch, das ich abgebrochen und (bis jetzt) nie beendet habe: Magyk von Angie Sage.
Diese Buch habe ich mir damals aus einem etwas seltsamen Grunde gekauft: ich bin nämlich beim Buchhändler meines Vertrauens über einen späteren Band der Reihe gestolpert, und der hieß Physik. Als Physiker mußte ich natürlich genauer hinsehen, und die für die englische Sprache seltsame Schreibweise hat mich dann bewogen, den ersten Band zu bestellen.

Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt, ich will mich aber mit ein paar Andeutungen begnügen, um etwaigen Lesern nicht den letzten Rest Spannung zu nehmen -- die Handlung ist nämlich ziemlich vorhersehbar. Angesiedelt in einem fantasy-typischen Spätmittelalter (mit Zauberern natürlich) folgen wir den Geschicken zweier in einfachen Verhältnissen aufwachsender Kinder, die quasi als doppeltes Aschenputtel zu Höherem bestimmt sind.
Magyk wartet durchaus mit ein paar netten Details auf. So sind zum Beispiel die Zaubersprüche (pseudo-altertümliches Englisch statt pottersches Latein) in einer anderen Schriftart gesetzt. Gleiches gilt für magische Fachausdrücke, etwa caused nicht im Sinne von verursacht, sondern als telekinetische Beeinflussung. Leider täuschen diese Einzelheiten nicht über die Vorhersehbarkeit der Geschichte hinweg. Insbesondere das Rätsel, daß Septimus Heap, Namensgeber der ganzen Reihe, gleich zu Beginn noch als Neugeborenes stirbt, ist für den Leser recht schnell gelöst. Die Autorin nimmt es trotzdem über zweihundert Seiten mit, und auch die klügeren der Protagonisten bleiben bis zum Schluß im Dunkel.
Vielleicht sollte man an ein Jugendbuch in dieser Hinsicht nicht zu viele Ansprüche stellen, mich stört es aber doch.
Letztlich vergebe ich drei von fünf Sternen, weil Magyk immerhin eine ganz unterhaltsame Lektüre bietet. Nur auf Physik werde ich wohl verzichten.

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Gerade habe ich Kushiel's Dart von Jaqueline Carey beendet. Hui. Wo soll ich anfangen? Vielleicht beim Offensichtlichen: den Roman (erster Teil einer Trilogie, das ist heutzutage ja die Norm) ist im Grunde High Fantasy. Es gibt zwar keine Elfen und Zauberer, aber dafür jede Menge tapferer Ritter, die mit einem Lied auf den Lippen in den sicheren Tod reiten. Ja, und ein bißchen Magie ist gelegentlich auch zu finden. Andererseits paßt auch die Bezeichnung Alternative History. Denn die Geschichte spielt irgendwann im Mittelalter, so genau kann ich das nicht festlegen, aber es gibt zwei wesentliche Punkte, die mit unserer Welt nicht übereinstimmen: da ist zunächst der Master of the Straits, eine gottähnliche Gestalt auf einer Insel im Ärmelkanal. Er kann diese wegen eines Fluchs nicht verlassen und beschäftigt sich mit Schiffe versenken; genauer gesagt, er unterbindet fast den ganzen Verkehr zwischen dem, was sonst England wäre (und hier Alba, also Schottland heißt) und mangels Normannen noch von Kelten bewohnt wird, und dem Kontinent. Außerdem ist die Entstehung des Christentums etwas anders gelaufen, und die Anhänger Eluas (mit der Verkündung Love as thou wilt) haben sich in Terre d'Ange niedergelassen, das ungefähr dem heutigen Frankreich entspricht. auf mich wirkt das Land wie eine seltsame Mischung aus England und Frankreich, aber das mag auch an meinem mangelndes Wissen über die französische Monarchie liegen.

Den Aposteln, von denen sich jeder einem anderen Aspekt fleischlicher Lust gewidmet hat, sind Einzelne Häuser des Night Court gewidmet -- eine Art religiös untermauerter Edelbordelle.

Unsere Heldin, Phèdre, hat ihre Kindheit auch in einem dieser Häuser verbracht[1], wechselt dann jedoch in einen privaten Haushalt. Ihr neuer Herr[2] läßt ihr eine umfassende Ausbildung angedeihen, damit sie für ihn bei der Erbringung sexueller Dienstleistungen heimlich Informationen zu einem zunächst unbekannten Zweck beschafft.
Damit stürzt die Autorin uns in ein Verwirrspiel aus Politik, höfischen Intrigen, Verrat und letztlich sogar Krieg, daß es ziemlich schwierig wird, einigermaßen den Durchblick zu behalten. Ob man das positiv oder negativ bewertet, bleibt jedem selbst überlassen. Pluspunkte gibt es jedenfalls für die sehr glaubwürdige Darstellung der Feudalgesellschaft in Terre d'Ange und die schöne Idee des sexuell orientierten Glaubens. Mich persönlich hat auch das seltsame Parallel-Europa mit den interessanten Städte-Namen fasziniert, obwohl das wahrscheinlich keine besondere schriftstellerische Leistung darstellt. Störend fand ich lediglich die Stellen, an denen es doch sehr pathetisch wurde -- bei High Fantasy vielleicht unvermeidlich. Insgesamt gebe ich vier von fünf Sternen.

  1. dabei läuft alles streng gesittet ab, minderjährige Adepten werden höchstens als Bedienung bei Banketten eingesetzt
  2. im feudalen Sinne
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Gerade habe ich zwei Bücher beendet, zu denen ich gerne etwas schreiben möchte, ohne gleich vollständige Rezensionen daraus zu machen. Zum einen gab es ein Wiedersehen mit Sherlock Holmes. Anthony Horowitz führt hier Watson die Feder, als der einen "alten" Fall beschreibt, den er wegen der Verwicklung gesellschaftlich höchster Schichten erst im hohen Alter zu Papier bringt. Das Buch hat mir durchweg gut gefallen: der Autor macht das viktorianische London lebendig, die Sprache wirkt der Zeit angemessen. Auch Watson und Holmes sind sozusagen ganz die alten, sie sehen in Horowitz' Augen nicht anders aus als aus Doyles Sicht. Das Verbrechen -- das Holmes wie immer schon nach kurzer Zeit durchblickt -- ist insofern der einzig moderne Aspekt des Romans, als daß Doyle es sicher nicht gewählt hätte; dennoch paßt der Autor den Fall stimmig in Holmes' Zeit ein, so daß er nicht als Fremdkörper wirkt.

Wenn ich dem Buch nur vier von fünf Sternen gebe, so liegt das einfach daran, daß The House of Silk nicht mehr ist -- und auch gar nicht mehr sein kann -- als der Umschlag behauptet: The new Sherlock Holmes Novel.

Vom viktorianischen Zeitalter geht es jetzt einen großen Sprung zurück in das Zeitalter der Restoration. Eines Tages beschloß ein junger englischer Verwaltungsangestellter, Tagebuch zu führen. Das ist zunächst nichts besonderes. Außerordentlich ist aber, daß er das über zehn Jahre lang durchhält (und dabei nur ganz wenige Tage ausläßt); außerordentlich ist auch, daß er Staatsangelegenheiten, private Erlebnisse und Belanglosigkeiten (etwa das, was bei mir unter Kram läuft) völlig gleichberechtigt nebeneinander stellt; außerordentlich ist schließlich auch das, was er erlebt: die Restoration Charles' des Zweiten, die Pest, den Brand von London. Interesting times, indeed.

Und so kommt es, daß das Tagebuch von Samuel Pepys heute in England eine Berühmtheit erreicht hat, die ihresgleichen sucht. Ich bin mit dem ersten Band (dem Jahr 1660) inzwischen durch, und freue mich schon auf den zweiten. Ich will versuchen, diesen sozusagen in Echtzeit zu lesen, also etwa einen Eintrag pro Tag, und hier dann gelegentlich davon berichten. Ich spare mir an dieser Stelle, auf den Inhalt des ersten Bandes einzugehen -- es soll ja keine echte Rezension werden -- und grübele stattdessen, wie viele Sterne ich dafür vergeben soll. Einen Roman würde ich nach seiner Sprache und seinen Ideen bewerten sowie danach, wie packend er geschrieben ist. Ein Sachbuch etwa nach dem Umfang des Inhalts und der didaktischen Darbietung. Aber ein Tagebuch? Mir fehlen schlicht die Kriterien, nach denen ich ein Urteil fällen könnte, so daß ich einfach darauf verzichte.

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Im Rahmen der LovelyBooks-Lesechallenge 2012 habe ich von Val McDermid Alle Rache will Ewigkeit gelesen, finde aber den Beginn der Challenge ein wenig enttäuschend.

Inhalt: Die Gerichtspsychiaterin Charlie, die derzeit sowohl aus beruflicher wie auch privater Perspektive keine leichte Zeit hat, wird durch eine frühere Dozentin von ihr gebeten einen Mordfall an ihrem altem College zu untersuchen. Diese Dozentin ist nun nicht nur zufällig die Schwiegermutter des Ermordeten, sondern glaubt auch zu wissen, wer der Mörder ist und dass es sich zudem nicht um das erste Opfer handelt. Charlie die - getrieben von ihrer Neugier, dem Mangel an anderen Aufgaben und der Hoffnung einen Justizirrtum aufzudecken - dem Wunsch nachkommt inoffiziell zu ermitteln, taucht in die Welt des Colleges ein und begibt sich dabei selbst in Gefahr.
Meine Meinung: Ich fand den Aufbau der Geschichte, bei dem eine inoffizielle Ermittlerin bereits „abgeschlossene“ Morde untersucht, recht reizvoll und mal eine Abwechslung zu den ewig vielen Kriminalromanen, in denen ein Ermittler der Polizei unter Aufbietung seines gesamten Scharfsinns und unter Einsatz seines Lebens den Fall löst. Leider hatte ich den Eindruck, dass diese Form der Geschichte die Spannung reduzierte, beschränkt sich die Hauptprotagonistin Charlie doch den Großteil des Buches darauf mit Leuten zu reden, durch die Gegend zu laufen/reisen und Zeitungsartikel zu lesen um die Vergangenheit zu erforschen. Auch die Ausschnitte die sich mit dem Privatleben von Charlie und den anderen wichtigen Akteuren beschäftigen steigern die Spannung nur unwesentlich, sind doch viele Teile der Story sehr vorhersehbar. Dies betrifft auch leider die Frage nach dem Mörder, die schon früh (zu früh für meinen Geschmack) für den Leser beantwortet wird, wodurch der Spannungsbogen zum Schluss des Buches hin leidet.
Im Buch spielt das Thema Homosexualität eine große Rolle. Dagegen selbst wäre ja überhaupt nichts einzuwenden, wenn nicht der Großteil der wichtigen Akteure weiblich und lesbisch wäre und die meisten männlichen Akteure irgendwie „seltsam“ wirken. Tatsächlich war ich recht irritiert davon, dass Männer in diesem Buch häufiger  als „ungewöhnliche“ Personen (z.B. tot, alkoholabhängig, ehemalige Junkies etc.). mitspielen, als als zurechnungsfähige Menschen mit denen man ein vernünftiges Gespräch führen kann. In diesem Punkt war mir die Charakterauswahl der Autorin eindeutig zu einseitig.

Fazit: Obwohl das Buch deutlich spannender hätte gestaltet sein können und die Charaktere ein wenig einseitig wirken, hat das Buch eine interessante Geschichtsperspektive und eine logische Auflösung des Falls. Nicht das Schlechteste was ich je gelesen habe, aber es geht auch deutlich besser...

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Vor gut drei Jahren habe ich Patrick Rothfuss' Debüt The Name of the Wind gelesen. Das Buch hat mich damals wirklich begeistert, es hat auch direkt fünf Sterne bei Lovelybooks bekommen, und natürlich mußte eine Rezension geschrieben werden. Ich machte ein paar Stichworte -- die Welt, die Rothfuss erschaffen hat, ist sehr anders als die übliche Fantasy, dabei sehr überzeugend, ich habe aber nicht herausgefunden, warum. Ja, und dabei ist es dann geblieben.

Inzwischen hat nicht nur das Warten auf den zweiten Teil, The Wise Man's Fear, ein Ende, ich habe das Buch auch schon gelesen und versuche mich nochmal an einer Rezension.

Die Geschichte spielt -- wie das im Genre so üblich ist -- in einer Art Pseudo-Mittelalter, und sie handelt von einem Mann namens Kvothe. Der Klappentext charakterisiert ihn so:

I have stolen princesses back from sleeping barrow kings. I burned down the town of Trebon. I have spent the night with Felurian and left with both my sanity and my life. I was expelled from the University at a younger age than most people are allowed in. I tread paths by moonlight that others fear to speak of during day. I have talked to Gods, loved women, and written songs that make the minstrels weep. My name is Kvothe. You may have heard of me.

Kvothe ist eines Tages verschwunden, und niemand weiß, was aus ihm geworden ist: er nennt sich jetzt Kote und betreibt in irgendeinem gottverlassenen Kuhkaff ein Wirtshaus. Dort hat er bisher ein ruhiges Leben verbracht, doch zu Beginn des ersten Bandes passieren einige sehr beunruhigende Dinge, die einen Mann des Dorfes das Leben kosten -- und Kote weiß offenbar mehr darüber. Gleichzeitig taucht ein Schreiber namens Chronicler auf. Er erkennt Kvothe und überredet ihn, seine Geschichte zu erzählen. Der Rest der beiden Bücher besteht im wesentlichen aus dieser Geschichte.

Sehr gut hat mir gefallen, daß Rothfuss auf die typischen High-Fantasy-Zutaten (Orks, Elben, Zwerge) verzichtet. Das heißt natürlich nicht, daß er alles neu erfindet; man findet zum Beispiel die Fae, den alten Glauben, daß die Kenntnis von Namen Macht verleiht, oder auch die antimagischen Eigenschaften von Eisen[1]. Dabei präsentiert der Autor seine Welt durch und durch glaubwürdig. Als Beispiel mag an dieser Stelle die Magie herhalten. Sie ist zwar Standardzutat in der Fantasy[2], aber immer ein zweischneidiges Schwert: zum einen kann sie beim Leser ein Staunen auslösen; andererseits bringt sie aber den Autoren in Erklärungsnot: warum kann der Held Situation X mit magischer Hilfe meistern, nicht aber das Ziel einer Quest mit einem Fingerschnippen erreichen? Könnte er das, wäre manch ein Buch nur halb so dick...

Bei Rothfuss sprechen nur Laien von Magie. Die Eingeweihten (Arcanists) unterscheiden da zwischen den Fachrichtungen: es gibt Alchemie, Naming[3], Sympathy und Sygaldry ...

Sympathy zum Beispiel bedeutet, daß der Arcanist zwischen zwei Dingen eine Verbindung schafft, und zwar letztlich durch seine feste Überzeugung (Alar), daß diese Verbindung existiert. Dann kann man z.B. den einen Gegenstand hochheben oder erwärmen, worauf der zweite, verbundene Gegenstand ebenfalls emporschwebt (oder warm wird), ohne daß von außen eine Ursache erkennbar wäre. So weit, so magisch. Das heißt aber nicht, daß man einfach einen Kiesel mit einem Felsen verbinden und diesen dann hochheben könnte -- der Energieerhaltungssatz gilt auch hier, und der Kiesel fühlt sich, sobald er verbunden ist, so schwer an wie der Fels. Doch damit nicht genug: je ähnlicher sich zwei Dinge sind, desto besser die Verbindung. Zwei gleiche Münzen oder ein Feuer mit einer Handvoll seiner Asche gehen besser als etwa zwei Äste von unterschiedlichen Bäumen, und diese wieder besser als zwei völlig verschiedene Dinge (eine Münze mit einem Ast). Je schlechter aber eine Verbindung ist, desto schwieriger, sie zu nutzen: wenn ich also mit dem Ast einer Münze hochheben will, so wird sich dieser wesentlich schwerer anfühlen, als das Gewicht von Ast und Münze allein es erklären können. Die überschüssige Energie (Slippage) geht dann unkontrolliert in die Umgebung[4]. Das erinnert an die Beschränkungen thermodynamischer Maschinen.

Natürlich dreht sich Kvothes Leben nicht nur um Magie, aber hier sieht man noch am leichtesten, warum die Geschichte so glaubwürdig wirkt. Die anderen Aspekte sind nicht weniger überzeugend dargestellt -- seien es die als Diebe und Vagabunden verschrieenen, aber auch als Musiker und Schauspieler geachteten Edema Ruh[5], das von meditierenden Schwertkämpfern bevölkerte Ademre[6], oder aber die durch den Austausch gravierter Ringe zum Ausdruck gebrachte Hierarchie am Hofe des Maer Aldaron.

Manches, was im ersten Band noch ein Rätsel war, wird in Wise Man's Fear zumindest etwas klarer, und ich bin schon versucht, The Name of the Wind nochmals zu lesen; anderes -- wie die Scrael -- taucht in Kvothes Erzählung gar nicht auf[7] und bleibt dunkel. Nicht nur deshalb, sondern auch, weil dies die besten Fantasybücher sind, die ich seit langem gelesen habe, freue ich mich bereits auf den dritten Band.

  1. Darüber bin ich schon in mehreren Romanen gestolpert, ohne daß ich eine Quelle finden konnte. Weiß jemand mehr?
  2. und Science Fiction, auch wenn sie dann Star Drive oder Replikator heißt...
  3. Da haben wir die Macht der Namen in neuem Gewand.
  4. Oder auch in den Körper des Arkanisten, was unangenehm bis tödlich sein kann.
  5. Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
  6. Das auch, wenngleich die blonden Haare neu sind.
  7. sondern nur in der knappen Rahmenhandlung um das Wirtshaus
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Eh man sich's versieht, ist ein ganzer Monat ohne Eintrag vergangen -- jetzt bin ich aber wieder da. In der Zwischenzeit habe ich Markus Heitz' Zwerge hinter mich gebracht.

Der Klappentext legt die Latte hoch, indem er den Vergleich zu Tolkien zieht. In der Tat erinnert das Geborgene Land stark an Mittelerde, mit all seinen Zwergen und Elben, Menschen und Orks, und natürlich den Zauberern. Nun wird dem Herrn der Ringe oft vorgeworfen, Schwarzweißmalerei zu betreiben: hier die Guten (Elben und blonde Menschen), dort die Bösen (Orks, dunkelhäutige Menschen, und alles, was häßlich ist). In der Beziehung läßt sich auch Herr Heitz nicht lumpen: die Widersacher sind abstoßend, krank und (meistens) dumm.

Djerun erlegte eine ausgezehrte Hirschkuh, deren Fleisch sie nach kurzem Rösten über dem Feuer hungrig verschlangen. Den schimmeligen Beigeschmack versuchten sie zu ignorieren.

Leider ist da auch schon fast Schluß mit den Parallelen: Tolkiens Werk stützt sich auf eine umfangreiche Mythologie, Historie und mehrere ausgearbeitete Sprachen. Die Zwerge wirken dagegen einfach nur oberflächlich. Ein paar diakritische Zeichen, die man über die Namen der Charaktere streut, sollen wohl für den fremdländischen Touch sorgen, wirken aber eher hilflos, zumal sich Zwergennamen von solchen der Elben oder Menschen eh wenig unterscheiden. Die Landkarte ist kaum mehr als eine lieblos hingeworfene Skizze, die weder hilft, die Handlung einzuordnen, noch Neugier auf unbekannte Länder weckt. Und überhaupt, die Landschaft: Braunes Gebirge, Blaues Gebirge, Rotes Gebirge, Schwarzes Gebirge -- geht es noch unrealistischer? So funktionieren vielleicht Straßennamen im Neubaugebiet, aber echte, gewachsene Namen sind nicht so systematisch.

Das alles wäre ja nicht weiter schlimm; es gibt genügend gute Bücher ohne Mythologie, ohne eigene Sprachen, und ohne realistische Welten. Ja, wenn nur die Handlung nicht so simpel gestrickt wäre. Diese ist nämlich etwa ab Seite zweihundert (von sechshundert!) komplett vorhersehbar. Ab dort ist die Zahl der Guten genügend geschrumpft, daß klar ist, wer was tun muß; und das (sehr alte) Motiv der Quest -- also Hinreise, Erledigung einer vorbestimmten Aufgabe, Rückreise -- läßt auch nicht viel Raum für Überraschungen. Und die Frau bekommt er natürlich auch.

Objekt dieser eher langweiligen Quest ist ein ziemlich unglaubwürdiges Artefakt -- einfach möglichst viele möglichst teure Materialien zusammenzuwerfen, mag zum Protzen gut sein, aber Zauberei geht anders.

Rotes und grünes Blut spritzte, Gliedmaßen und Zähne flogen durch die Luft, und zu dem brachialen Kampflärm mischte sich das Heulen der wartenden Horden, deren Gier wuchs und wuchs.

Eine kleine Beschwerde zum Schluß muß ich noch anbringen: das Buch ist ganz schön blutig. Zugegeben, ein Krieg ist nun einmal blutig, aber ist es wirklich nötig, bei jedem Kampf genau anzugeben, welche Organe durchtrennt werden und wie der sterbende Gegner aussieht? Die oben zitierte Passage ist noch vergleichsweise zurückhaltend.

Wirklich beeinflussen kann diese Kritik die Gesamtbewertung aber auch nicht mehr, denn zwei von fünf Sternen müssen den Zwergen ohnehin genügen. Wer einen Lückenfüller für zwischendurch sucht, mag getrost zu diesem Werk greifen. Lesern, die sich tiefere Charaktere oder eine abwechslungsreichere Handlung wünschen, ist mit Autoren wie Robin Hobb oder Patrick Rothfuss besser gedient.

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Professor Mortimer ist wieder unterwegs! Diesmal verschlägt es ihn zwar nicht nach Atlantis, sondern nur in die Nähe von Paris; doch seine Erlebnisse sind nicht weniger abenteuerlich als beim letzten Mal (in der Chronologie eigentlich das vorletzte Mal, dazwischen fehlt noch S.O.S. Météores).

Mortimer erbt von Miloch, einem seiner Widersacher, dessen letzte Entdeckung. Nach anfänglicher Heimlichtuerei stellt sich heraus, daß Miloch an einer Zeitmaschine gearbeitet hat -- entgegen ersten Vermutungen hatte er aber nicht den Verstand verloren, sondern ist tatsächlich erfolgreich gewesen. Soll Mortimer das Erbe antreten? Immerhin war Miloch sein Feind. Er hat die Warnungen seines Freundes Blake noch im Ohr, kann sich aber nicht bremsen, und probiert die Maschine aus. Nach zwei kurzen Episoden in der Vergangenheit (zunächst prähistorisch, dann inmitten der Jacquerie, einem Bauernaufstand des vierzehnten Jahrhunderts) landet er schließlich in der Zukunft. Hier hilft er einer Gruppe Widerstandskämpfer, sich von der Unterdrückung durch eine gesichtslose Obrigkeit zu befreien.

Die gewissenhaft ausgeführten und detaillierten Zeichnungen des Autors, die ich schon beim letzten Mal erwähnt habe, fallen mir auch jetzt wieder sehr positiv auf. Insbesondere in der cité interdite, einem verfallenen Tunnelsystem im zukünftigen Frankreich, wirken die Darstellungen sehr überzeugend. Aber auch die Bilder des Dorfes La Roche-Guyon sind sehr realistisch -- selbst dann, wenn man sie mit Fotografien des Ortes vergleicht.

So vergebe ich für Le Piége Diabolique wie schon für L'Enigme de l'Atlantide fünf von fünf Sternen und lege diesen Band allen Fans der Ligne Claire ans Herz.

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