Als ich mir Our Endangered Values gekauft habe, bin ich eigentlich davon ausgegangen, die angesprochenen Werte (und ihre Bedrohung) auch bei uns zu finden; das ist jedoch nur zu einem recht kleinen Teil der Fall gewesen. Viele der von Carter angesprochenen Themen betreffen entweder die Stellung der USA als Weltmacht oder aber den Einfluß der Religion auf politische Entscheidungen. Beide lassen sich natürlich so weder auf Deutschland noch die EU übertragen.
Interessant war die Lektüre trotzdem: Zum einen mußte ich feststellen, daß mir das ganze Ausmaß der Tragödie nicht bekannt war. Klar, Intelligent Design im Biologie-Unterricht, einen deutlich schärferen Streit um Abtreibung, als man ihn hierzulande gesehen hat, und eine in letzter Zeit ziemlich aggressive Außenpolitik kennt man. Damit ist aber noch lange nicht Schluß. Das Ausmaß, in dem religiöser Fundamentalismus inzwischen die US-amerikanische Politik beeinflußt, ist schon ziemlich erschreckend.
One of the most bizarre admixtures of religion and government is the strong influence of some Christian fundamentalists on U.S. policy in the Middle East. Almost everyone in America has heard of the Left Behind series […] Based on these premises, some top Christian leaders have been in the forefront of promoting the Iraqi war, and make frequent trips to Israel, to support it with funding, and lobby in Washington for the colonization of Palestinian territory.
Darüber darf man gar nicht nachdenken: Nahostpolitik, ja sogar ein Krieg, aufgrund eines Romans? Die offizielle Webseite dieses Machwerks findet sich hier, und bei der Wikipedia gibt es natürlich auch Informationen dazu.
Was christliche Fundamentalisten angeht: Carter zitiert zum Beispiel einige heftige Sprüche von Pat Robertson; Wikipedia hat noch mehr.

Interessant war die Lektüre auch noch aus einem anderen, viel tröstlicherem Grunde. Carter stellt den von ihm angeprangerten Ansichten und Handlungen nämlich sein eigenes Weltbild entgegen; dieses entwickelt er aus einem ganz änhlichen Ausgangspunkt, nämlich einem tiefen christlichen Glauben, den er sogar selbst fundamentalistisch nennt: For generations, leaders within my own church and denomination had described themselves as "fundamentalists," claiming that they were clinging to the fundamental elements of our Baptist beliefs and resisting the pressures and incfluence of the modern world […] a general attitude that I have shared during most of my life.
I soon learned that there was a more intense form of fundamentalism, with some prevailing characteristics: […] rigidity, domination, and exclusion.
Dieses Weltbild ist — im Gegensatz zu dem der religiösen Rechten — von Toleranz und Friedfertigkeit bestimmt.
Im übrigen erkenne ich auch mein eigenes, durch und durch atheistisches Weltbild zu großen Teilen darin wieder.
Noch besteht also Hoffnung.

2:17 Kein Kommentar

von kirjoittaessani

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