Wenn wir durch die Seiten unseres Lebens blättern
Und uns wünschen, sie nochmals leben zu können
Dann frage ich mich, war die Zeit wirklich so schön
Oder sehe ich durch den Regenbogen in meinem Kopfe?
Sehe ich die farbigen Kapitel meines Lebens
Oder nur die schillernden Schatten schwarz-weißer Geschichten?

Kevin Johnson sinniert gerade über die Vergangenheit, und mir fällt spontan dazu ein: ich nicht. So bunt war die Zeit nicht, und ich war lange nicht mehr so glücklich, wie ich jetzt bin.
Über meine Kindheit kann ich mich wahrlich nicht beklagen — bei der Auswahl meiner Eltern habe ich ausnehmend guten Geschmack bewiesen — aber daß eine Zeit, in der ein einziger Vormittag die Zeitspanne einnehmen konnte, für die heute mehrere Wochen benötigt werden, eher in jenes Land gehört, das in England faerie heißt, denn in unsere gewöhnliche Alltagswelt, ist wohl offensichtlich.

Die Zeit der weiterführenden Schule habe ich als deutlich weniger angenehm in Erinnerung. Ich habe mich oft einsam und ausgegrenzt gefühlt; inwieweit das immer gerechtfertigt war und was sich davon nur im Kopf eines neurotischen Teenagers abgespielt hat, ist natürlich nicht ganz sicher zu sagen. Wenn man in der Schule gute Noten erzielen kann, ohne sich nennenswert dafür anstrengen zu müssen, macht das vieles leichter. Einiges wird aber auch schwerer.
Eingebildet oder nicht, für das eigene Wohlbefinden ist letztlich das wichtig, was sich im Innern tut; die Realität ist da zweitrangig.

Nachdem ich eine Zeitlang darüber nachgedacht habe, ist mir aber aufgefallen, daß ich auch einen Regenbogen mit mir spazieren führe, und der gerät ab und zu ganz unvermittelt vor meine Augen. Man könnte das als eine Art Fernweh beschreiben, aber eben eines, daß sich auf ganz irreale Ziele richtet. Wenn ich zum Beispiel lesen, daß ein mir völlig Unbekannter, mit dem ich eine vage Verbundenheit spüre, weil seine Heimatstadt auch die meine ist, jetzt in New York lebt und arbeitet; dann macht sich in mir eine unbestimmte Sehnsucht breit, verbunden mit einem bißchen gutmütigem Neid.
Objektiv betrachtet ist das natürlich völliger Quark: wer sich in einer Stadt mit 600.000 Einwohnern nie völlig wohl gefühlt hat, weil das schon die Obergrenze des erträglichen war, sollte von einer 8-Millionen-Metropole wohl besser Abstand halten.

Manchmal ist es auch ein Bild einer schönen Landschaft, von einem Sonnenuntergang vielleicht, das mich an Afrika, an Skandinavien, oder an Asien denken läßt, und da wärst Du jetzt gerne. Immerhin: in Skandinavien bin ich wirklich gerne, aber allzu ernst sollte man solche Anwandlungen trotzdem nicht nehmen.
Vor ein paar Tagen erst überkam es mich beim Anblick einer bewaldeten Hügellandschaft im Abendrot — allerdings nicht auf einem Foto, sondern in den Wäldern vor meiner Haustür. Da mußte ich erstmal Luft holen und mich selbst berichtigen: dort wäre ich nicht gerne, hier bin ich gerne.

Ja, auch ich trage meinen Regenbogen mit mir herum.

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von kirjoittaessani

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