Einträge mit dem Tag ‘Pratchett’

Ein Tsunami löscht innerhalb von Minuten fast alles Leben auf einem kleinen Südseearchipel aus. Unter der etwas wackeligen Ägide eines Jungen, den die Welle gerade während seiner Initiation zum Mann überrascht hat, findet sich ein Häufchen Überlebender zusammen. Außerdem ist da noch Ghost Girl, ein dreizehnjähriges Mädchen aus gutem britischem Hause, der die "Wilden" zwar etwas suspekt sind, andererseits aber auch willkommene Gelegenheit zur Auflehnung gegen gesellschaftliche Regeln. Während wir das Schicksal unserer buntgemischten Truppe verfolgen, lernen wir manches darüber, wie die Welt funktioniert und wie wir mit ihr umgehen. Daß man anständige Hosen tragen muß, um etwas entdecken zu können, weiß der Fan ja schon etwas länger...

So ganz fern der Scheibenwelt ist Nation doch ein echter Pratchett. Wie bereits in den späteren Scheibenweltromanen übt der Autor hier recht deutliche Gesellschaftskritik, und das Buch ist an manchen Stellen durchaus traurig, wenngleich der gewohnte Humor natürlich nicht zu kurz kommt.

Ja, und wenn der Erzähler am Schluß als the old man noch kurz aus der Anonymität heraustritt, dann werde ich das Gefühl nicht los, daß Pratchett sich hier selbst in seine Geschichte geschlichen hat. Überhaupt drängt sich dem Leser die Charakterisierung Spätwerk auf -- die Leichtigkeit etwa der Hexengeschichten scheint verflogen, und der Blick auf die Welt ist ein wenig melancholisch, aber doch voller Hoffnung.

2 Kommentare

Zugegeben, geborgtes ist nicht dabei, aber ein neues und ein altes Buch kann ich bieten, oder jedenfalls eines, dessen Lektüre ich gerade beendet habe, und eines, mit dem ich vor kurzem begonnen habe.

Bei ersterem handelt es sich um Pratchetts Wee Free Men. Nachdem ich von Making Money ein wenig enttäuscht war, haben mich die blauen Männer wieder begeistert: Pratchett vom Feinsten, wenn auch nicht ganz so bissig -- aber dafür ist es ja ein Kinderbuch. Die Titelhelden sind in ihrer naiven, draufgängerischen Art einfach liebenswert, und der schottische Dialekt ist herrlich dargestellt.
Ansonsten ist das Buch so, wie Pratchetts Werke eben sind. Die Lektüre geht schnell von der Hand und macht Spaß; und wenn ich eben sagt, es sei nicht ganz so bissig, dann soll das nicht heißen, daß die Gesellschaftskritik ausgespart wäre. Sie nimmt nur einen nicht ganz so breiten Raum ein und ist vielleicht etwas zurückhaltender formuliert.

Neues gibt es von Neal Stephenson, einem meiner Lieblingsautoren. Ich glaube, auf ihn könnte ich weniger leicht verzichten als auf Pratchett: er schreibt zwar seltener, aber seine Werke unterscheiden sich viel stärker. Meine Einstiegsdroge Cryptonomicon spielte parallel im Zweiten Weltkrieg und der nahen Zukunft (inzwischen wohl schon Gegenwart) und handelte im weiteren Sinne von der Kryptographie. Der Nachfolger Baroque Cycle zeigte das Entstehen der Naturwissenschaften und des Finanzwesens zu Beginn der Aufklärung. In beiden Fällen hat mir Stephensons ruhiger Stil, der auf Spannungsbögen gerne verzichtet und stattdessen einfach Geschichten erzählt, sehr gefallen. Dabei beschreibt er oft Details, die wohl nur einem Geek auffallen können -- sei es die Abhängigkeit der mathematischen Leistungsfähigkeit vom Sexualleben (komplett mit Formel und Diagrammen!), oder auch die täglichen Nebensächlichkeiten, die im siebzehnten Jahrhundert doch so anders sind als im einundzwanzigsten.

Stephensons neuestes Werk, Anathem, spielt gar nicht auf der Erde, sondern in einer seltsamen Parallelwelt, in der Wissenschaftler als eine Art Mönche und Nonnen (Fraas und Suurs) in Klöstern (Maths) leben. Manche von ihnen nehmen nur einmal im Jahrzehnt, Jahrhundert oder gar Jahrtausend Kontakt mit der Außenwelt auf, während im Innern das Leben von einer riesigen mechanischen Uhr geregelt wird.

Das ganze (oder doch zumindest die ersten fünfzig Seiten) wird in einer Sprache erzählt, die einen das Kloster fühlen läßt. Ich war von der ersten Seite an gefesselt, aber ich finde die Lektüre auch anstrengend -- Anathem ist kein Buch, das man in einem Rutsch durchliest. Aber es verspricht ein lohnendes Unterfangen zu werden.

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Rezensionen, so ist jedenfalls meine Erfahrung, wollen kurz nach der Lektüre geschrieben werden, oder eben gar nicht. Sonst geht mir die unmittelbare Verbindung zum Buch verloren; fast so, als hätte ich das Werk nicht selbst gelesen, sondern mich nur mit jemandem unterhalten, der es gelesen hat.

Daß ich Bromeliad, die Nomen-Trilogie, gelesen habe, ist nun schon etliche Wochen her. Trotzdem will ich versuchen, zu Papier zu bringen, was mir während der Lektüre durch den Kopf gegangen ist.

Ein Raumschiff landet auf einem fernen Planeten, aber der Besatzung ist der Abflug nicht mehr vergönnt: sie muß sich wohl oder übel auf einen dauerhaften Aufenthalt einstellen. Realiter wäre es wohl ziemlich unwahrscheinlich, unter diesen Umständen zu überleben; fiktiv ist auf diese Weise aber schon manche Zivilisation entstanden. Für mich ist dieses Thema fest mit Bradleys Darkover-Reihe verbunden.

Das tut eigentlich auch gar nichts zur Sache, außer um festzustellen, daß Pratchetts Bromeliad einen ganz ähnlichen Kern hat, nur andersherum: die außerirdischen Nomen sitzen auf der Erde fest und entwickeln sich im Laufe der Jahrtausende von einem Volk der Sternenfahrer zurück auf ein prätechnisches Niveau. Kennt man den Humor des Autors, so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn das einzige Artefakt, das die Nome mit ihrer großen Vergangenheit verbindet, ausgerechnet bei einer versprengten Gruppe von Hinterwäldlern landet, die zudem akut vom Aussterben bedroht sind. Die Kommunikation mit der indigenen Bevölkerung (uns) hat auch nicht dauerhaft funktioniert, und die Nomen finden Karikaturen ihrer selbst bald als Gnome in den Vorgärten wieder.

Daß am Ende alles gut ausgeht, hat einiges mit Glück zu tun, aber auch mit dem Mut und Durchhaltevermögen Einzelner. Auf dem Weg dahin kann der Leser sich an Pratchett-typischen Witzen und Wortspielen vergnügen; und ebenso typisch hält der Autor uns den Spiegel vor -- und das gleich zweifach: wir sehen uns durch die Augen der Nomen, die unter den Dielen hervorschauen und darüber diskutieren, ob Menschen Intelligenz besitzen; und dann sind da noch die Nomen selbst in ihrer allzumenschlichen Art. Es mag im Auge des Betrachters liegen, aber ich habe den Eindruck, daß Pratchett die (christliche) Religion und ihre Rituale dabei ganz besonders durch den Kakao zieht.

Wer Pratchett mag und Lust hat, einmal einen Blick über den Scheibenrand zu werfen, dem sei die Trilogie ans Herz gelegt; vielleicht ist sie aber auch ein guter Einstieg für Leser, die ihn noch nicht kennen und mit dem Trubel um die Scheibenwelt wenig anfangen können.

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Manche Bücher haben am Anfang eines jeden Kapitels eine stichwortartige Zusammenfassung des Inhalts -- ich erinnere mich an eine Robinson-Ausgabe, bei der das etwa so aussah: 27. Kapitel -- In welchem Robinson dies und jenes findet. Ich habe gerade noch einmal nachgeschlagen und festgestellt, daß meine Ausgabe das nicht hat.

Pratchett hat in den letzten Scheibenwelt-Bänden auch solche Zusammenfassungen geschrieben. Seitdem muß ich am Ende jedes Kapitels wieder zum Anfang zurückblättern, weil ich sie vorher nicht verstehe.

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Through a pink mist his eye caught the line: 'safety is our foremost consideration'. Why hadn't the lead type melted, why hadn't the paper blazed rather than be part of this obscenity? The press should have buckled, the roller should have cleaved unto the platen...
Terry Pratchett hat seine Discworld-Reihe als Fantasy-Parodie begonnen, aber sie ist im Laufe der Zeit auch immer unverblümter gesellschaftskritisch geworden. Going Postal, der jüngste als Taschenbuch erschienene Band, setzt diese Entwicklung fort:
Pratchett fährt einen Frontalangriff gegen die Finanzwelt und ihre volkswirtschaftlich schädlichen Entscheidungen.

Das hindert ihn aber nicht im mindesten daran, all jene Absurditäten in die Geschichte einzubauen, die uns seit dem ersten Band erfreuen. Da gibt es eine Geheimgesellschaft von Postboten — komplett mit Initiationsritual; Hardware-beschädigende Semaphor-Viren; GNU; Pinheads; ...

Außerdem gibt es natürlich den kleinen Trickbetrüger, der am liebsten falsche Diamanten verkaufen würde, stattdessen aber mit (meistens) kühlem Kopfe und seinen people skills den großen Trickbetrügern eins auswischt.

Zusammen sind das fast fünfhundert Seiten Pratchett vom feinsten und einer der besten Discworld-Bände überhaupt.

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Wenn man ein Buch kauft, obwohl man genau weiß, daß man keine Zeit hat, es zu lesen, weil man noch mindestens drei Stapel ungelesener Bücher herumliegen hat, und wenn man erst wieder aus dem Fenster sieht, wenn man auf Seite 180 ist, dann ist das Buch von Terry Pratchett.

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