Daß Lycidas von Christoph Marzi in mein Bücherregal Einzug gehalten hat, ist fast schon Zufall gewesen: ich hatte zu Weihnachten ein Buch doppelt bekommen, aber kein weiteres Werk auf der Wunschliste. Also habe ich auf die Schnelle etwas herausgesucht, das einigermaßen interessant aussah -- und gleich einen Volltreffer gelandet.

Lycidas ist zunächst einmal Fantasy, oder, wie man früher sagte: Phantastische Literatur. Die Handlung spielt in einem sehr glaubwürdig dargestellten London, irgendwie wirkt das Buch aber auch sehr deutsch auf mich -- und das durchaus im besten Sinne. Auch wenn ich es nicht genau definieren kann, finde ich doch, daß Ende oder Krüss anders schreiben als etwa Tolkien oder Hobb; und auf eine ganz ähnliche Art unterscheidet sich auch Marzi von seinen angelsächsischen Kollegen.
Unterhalb Londons befindet sich die uralte Metropole, eine Stadt unter der Stadt. Sie ist genauso düster und dreckig, wie man es von einem Tunnelsystem erwartet, das über die dunkleren Ecken der U-Bahn betreten wird. Dort unten -- und manchmal, unerkannt, auch oberirdisch -- ist einiges lebendig, was Historie und christliche Mythologie zu bieten haben, aber immer auf eine ganz eigene Art.

"Rahel offenbarte dem Elfen, dass er hier arbeitet."
Mussten Engel arbeiten?
...
"Er arbeitet als Kundenberater in der CD-Abteilung."

Als erstes ist mir aufgefallen, daß Lycidas für ein Jugendbuch erstaunlich düster ist -- der Beginn der Geschichte in einem Waisenhaus der übleren Sorte ist nur der Auftakt. Diese Düsternis verbindet sich mit den lebendiggewordenen Mythen zu einer ganz eigenen Atmosphäre.

Als zweites fiel mir auf, daß sich fast alle Akteure siezen -- auch, wenn Erwachsene sich mit Zwölfjährigen unterhalten. Zusammen mit einer leicht altertümlich anmutenden Sprache, die aber die üblichen Fantasy-Klischees vermeidet, baut diese Eigenart die Atmosphäre ganz wunderbar aus.

Als dritte Eigenart von Lycidas möchte ich bemerken, daß der allwissende Erzähler gleichzeitig auch als handelnde Person auftritt. Diese ungewöhnliche Technik macht die Geschichte für mich sehr viel wirklicher, ganz so, als ob hier jemand ein Erlebnis erzählt und dabei die Geschehnisse, bei denen er nicht selbst anwesend war, aus anderen Quellen ergänzt.

Ich kann das Buch jedem, der Phantastisches abseits des Üblichen sucht und dabei einer düsteren Grundstimmung nicht abgeneigt ist, nur empfehlen.

22:17 Kein Kommentar

von kirjoittaessani

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